„Blut hatte er noch nie gut sehen können“

Bestimmt haltet ihr den Titel für einen typischen ersten Satz aus einem Krimi. Und ja, es ist der erste Satz aus dem Krimi „Der Rote Wolf“ von Liza Marklund und er ist einer von vielen Anfängen, die das Grauen einleiten, die ich euch heute vorstellen möchte.

Der erste Satz ist warscheinlich in jedem Buch wichtig. Im Krimi hat die Leserin eine klare Erwartungshaltung: es soll ein bißchen düster und spannend werden und man erwartet einen Toten und eine etwas kniffelige Aufklärungsstory. All das wird im ersten Satz dann auch direkt verarbeitet. Die Leserin liest den ersten Satz und hat Bilder im Kopf, die erzeugt wurden und sie weiterlesen lassen oder auch das Buch aus der Hand legen lassen.

Helga Beyersdörfer schreibt in „Die Sammlerin“:

Wie erst kurz vor Redaktionsschluss bekannt wurde, ist der Frankfurter Kulturdezernent Gerd Clement gestern Nachmittag überraschend verstorben.

Das ist ein klassischer und nüchterner Anfang eines Krimi. Die Leserin vermutet nach einem Satz, dass der Krimi in/um Frankfurt spielt und das es politisch motiviert sein könnte oder man viel über Städtepolitik liest oder auch Kultur. Da er „überraschend“ verstorben ist, wird es schon mal kein Krimi mit Ritualmorden sein. Es hört sich eher nach Herzinfarkt und damit vielleicht einen Giftmord oder so an. Aber keine brutale Abschlachterei. Wenige Worte und doch haben sich schon Bilder entwickelt. Die Leserin, die eher den blutigen Krimi bevorzugt wird sich abwenden und wem Politikgeplänkel zu langweilig ist oder realitätsnah, der wird auch weiter schauen.

Nick Stone fängt einen meiner Lieblingskrimis „Voodoo“ wie folgt an:

Zehn Millionen Dollar, wenn er das Wunder vollbrachte und den Jungen lebend nach Hause holte, fünf Millionen, wenn er nur die Leiche brachte, und noch mal fünf, wenn er die Mörder gleich mitlieferte – ob tot oder lebendig, war egal, solange nur das Blut des Jungen an ihren Händen klebte.

Uuuuuh … sehr deutliche und klare Einleitung in einem Satz. „Nach Hause bringen“ und die Belohnungsgelder deuten darauf hin, dass hier nicht die Polizei ermittelt, sondern eine Privatperson oder Privatdetektiv. Einer, der nicht zimperlich ist, denn er kassiert auch Geld für tote Mörder. Es geht um einen entführten Jungen und wenn von „Blut kleben“ die Rede ist, scheint der Auftraggeber eine persönliche enge Beziehung zu dem Jungen zu haben und Rache zu wollen. Egal, um welchen Preis. Von einem Wunder ist die Rede und das deutet darauf hin, dass es eine turbulente Geschichte mit vielen Wendungen geben wird, die teilweise auch etwas spektakulär sein werden. Ein Anfang in dem viel steckt, wie ich finde

Nury Vittachi, der den Feng Shui Detektiv geschaffen hat, den ich über alles liebe und verehre, fängt das Buch „Shanghai Dinner“ wie folgt an:

Kawumm! In ohrenbetäubenden Tosen ging die Welt zugrunde.

Da ich im Gegensatz zu euch weiss, wie das Buch weitergeht, kann ich nur sagen: fantastisch!

Ich will nicht sagen, dass am Ende Elefanten über Shanghai fliegen, aber stellt es euch mal vor und stellt euch vor, wie der Elefant in den Pazifik stürzt. Kawumm!

In der ältesten Detektivgeschichte der Welt von 1841 schreibt Edgar Allan Poe als ersten Satz in „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ (kostenfreies Kindle):

Die eigentümlichen geistigen Eigenschaften, die man analytische zu nennen pflegt, sind ihrer Natur nach der Analyse schwer zugänglich.

Wumps. Da zuckt man als heutige Krimileserin zusammen. Man erfährt noch nicht viel über den Plot der Geschichte oder das Opfer. Der Satz spiegelt in diesem Falle eher den damaligen Zugang zu Literatur in der Gesellschaft wieder. Lesen konnten nicht viele. In Preußen zählte man 1810 an ordentlichen Schulen 16.000 Jungen. So ist der erste Satz in diesem ersten Krimi auch kein leicht zugänglicher für die heutige Zeit, sondern geschrieben von einem gebildeten Mann für eine Leserschaft, die auf eine gute Bildung zurückschauen konnte. Das 19. Jahrhundert geht einher mit einer Schulpflicht (für Jungen) und dem Glauben, dass das Individuum sich unabhängig von seiner Herkunft nach oben arbeiten kann. Durch die großflächigere Bildung, bildet sich in diesem Jahrhundert dann die Trivialliteratur heraus.

Zum Abschluß ein letzter Satz von Harlan Coben in „Das Grab im Wald“:

Ich sehe meinen Vater mit dem Spaten vor mir.

Ein furchtbarer Satz finde ich. Vor meinen Augen sehe ich seinen Sohn, der seinem Vater bei etwas Furchtbaren zuschauen muss. Ob dabei der Vater der Böse ist oder vielleicht nur die Straftat eines anderen vertuscht, wissen wird nicht. Aber es scheint um ein Familiengeheimnis zu gehen und der Wald (Titel) ist immer ein Bild für etwas Unheimliches, Düsteres und ein Spaten ist in der Vorstellung kein schönes Mordinstrument bzw. dient es nach einem Mord vielleicht zum Verbuddeln einer Leiche. So oder so, will man als Sohn nichts davon sehen.

Ich würde mich freuen, wenn ihr beim nächsten Krimi mal auf den ersten Satz und eure Erwartungshaltung achtet. Ich finde das sehr spannend zu beobachten und vielleicht schreibt mir jemand in den Kommentar, was er las und dachte.

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