10.000 Listen mit Dingen, die man gesehen haben muss

Es gab Zeiten in meinem Leben, da habe ich Reiseführer gelesen, wie andere die Tageszeitung. Ich bekam nur Reiseführer geschenkt und habe sie verschlungen. Lonely Planet war zudem der Reiseführer meiner Wahl, wenn es los ging und ich habe sehr viel zu den Büchern beigetragen und dann Gratisexemplare bekommen.

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Ich vorm größten Osterei der Welt in Canada.

Urlaub war meinen Eltern sehr wichtig. Ostern sind wir Skifahren, im Sommer gab es eine große Reise und dann im Herbst noch mal ein kleiner Deutschlandurlaub.

Reisen war in meiner Kindheit anders, wie heute. Natürlich gab es schon Flugzeuge, aber ich kenne niemanden, der jemals geflogen ist. In Urlaub fuhr man mit dem Auto. (Ich kenne auch niemanden, der Zug gefahren ist …. hm…).

Man hatte einen Reiseführer und wusste, dass der veraltet war, denn ein Buch zu produzieren dauert. Internet gab es damals noch nicht mal im Ansatz. Und natürlich hatte jede Familie den Polyglott Sprachführer in der Tasche und Mama lernte auf dem Beifahrersitz während man in den Urlaub fuhr noch schnell ein paar Sätze Italienisch, Französisch oder Dänisch.

Zudem war „Deutschlandurlaub“ natürlich begrenzt auf das damalige Gebiet der BRD. Und Europa war begrenzt auf alles diesseits des eisernen Vorhangs. Man konnte nicht einfach nach Polen oder Ungarn und von NOCH weiter weg (Baltikum, Sovietunion) will ich gar nicht reden.

Als mir das erste Mal eine Freundin erzählte, dass ihr Sohn Interrail mache und nach Lettland fährt, hätten die Fragezeichen über meinem Kopf nicht größer sein können. Es dauerte lange bis der Groschen fiel und mir klar wurde, das 30-Jährige (und jünger) heute einfach überall hin können.

Ich schalte das Internet an und da ist die große Welt, präsentiert in bunten Bildern. Nicht nur 2 Reiseführer stehen mir zur Auswahl, sondern da sind die Seiten der Hotels, der Länder, Städte, der Verbände, Bewertungsportale, reine Fotoalben und vor allem der Reiseblogger bzw. Food-, Lifestyle und Sportblogger.

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1991 das erste Mal in der Mongolei.

Als ich 3 Jahre alt war, entschied mein Vater, dass ich alt genug war zum Reisen und fortan durfte ich mit der Familie mit reisen. Mit 3 Jahren war ich also in Afrika. Nein, nicht mit dem Flugzeug … ich schrieb ja oben, dass das damals (1972) nicht das Fortbewegungsmittel der normalen Bürger war.

Mit meinen Eltern habe ich dann bis auf Island, Irland und die Türkei jedes Land in Europa erfahren. Im Sommer hüpften wir Kinder mit der Mundorgel auf die Rückbank und dann fuhr mein Vater los. Nirgendwo blieben wir 2 Nächte, wir sind immer gefahren. Von einer Kirche zum nächsten Weingut, zum Strand, zum Kolosseum, zu einer Stadtrundführung, zu einem Spielplatz, zu …. 

Mit 18 Jahren flog ich dann das erste Mal und das auch noch nach Moskau. Das ich „zum Russen“ fahre, war für meine Großeltern so unverständlich wie 1972, als mein Vater mich mit „zu den Negern“ nahm.

Ich war damals sehr engagiert in der Freiwilligenbewegung und in den nächsten Jahren lernte ich den damaligen Ostblock und Asien sehr gut kennen. Später kam dann noch die USA und die arabische Welt dazu. Afrika, Australien und Südamerika standen nie so weit oben auf meiner Liste.

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Schloß Vendome im Bergischen Land

Gefühlt habe ich diese Welt gesehen. Wer mit dem Auto in Afrika war und 10 Mal die Transsib gefahren ist (nicht im Touristenzug), wer beim Putinputsch an der afghanischen Grenze war, 2 Mal vom KGB in Gewahrsam genommen wurde, eine Hepatitis überstand und in Nepal ein Gefängnis besucht hat … ja, der hat das Gefühl die Welt gesehen zu haben.

Aber dann sitze ich beim Frühstück in Bonn und lese „10 Dinge, die man gesehen haben muss“ und denke beim Blättern „Kenn ich alle nicht wirklich und vermisse sie auch nicht.“

  1. Angkor Wat – nie gesehen
  2. Great Barrier Reef – nie gesehen
  3. Machu Picchu – nie gesehen
  4. Chinesische Mauer – nie gesehen
  5. Taj Mahal – nie gesehen
  6. Grand Canyon – nie gesehen
  7. Kolosseum – nie gesehen, dafür gefühlt alles andere in Italien
  8. Iguazu – nie gesehen
  9. Granada – gesehen, aber ich war 3 Jahre alt. Keine Erinnerung.
  10. Hagia Sophia – nie gesehen

Als ich 2008 in die USA flog, wo ich in Seattle arbeitete, war mir das erste Mal auf einem Flug schlecht. Zuerst dachte ich an die Reisekrankheit, aber irgendwann halfen Reisetabletten nicht mehr und dann gab es noch 1 Flug nach Indien, einen nach Madrid und den dritten konnte ich dann schon nicht mehr antreten.

1999_Dahab_Blick aus Zimmer
Zum 30. war ich Tauchen auf dem Sinai. 2 Wochen nach 9/11.

Meine Flugangst und auch ein bißchen Reiseangst kam ganz plötzlich. Ohne Grund. Bzw. der Grund ist wohl nur die Endlichkeit des Seins, die mir mit überschreiten der Lebensmitte sehr bewußt wird.

Die o.g. Sehenswürdigkeiten sind alle toll. Und Reisen ist ganz ganz wichtig. Mein Vater sagte immer, dass es die Bereitschaft auf fremde Menschen zu schießen senkt und davon bin ich auch überzeugt. Fremdes kennenlernen, nimmt ganz viel Angst.

Aber je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass „fremd sein“ schon 30km weiter anfängt. Wer mal Urlaub in der Eifel machte, weiß wovon ich rede. Da muss ich nicht erst nach Bayern oder Indien.

Fremd sein fängt für manche schon beim Nachbarn an oder bei einer anderen gesellschaftlichen Schicht.

Reist! Ermutigt andere zu reisen. Wohin die Reise geht, ist egal. Der Schritt sich auf Neues einzulassen und los zu gehen, ist der wichtige Moment.

3 Gedanken zu „10.000 Listen mit Dingen, die man gesehen haben muss

  • 22. Februar 2016 um 11:55
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    Das ist zu beneiden, das deine Eltern dich so aufwachsen ließen. Leider hat nicht jeder die finanziellen Mittel um regelmäßig in den Urlaub zu fahren bzw. die Welt zu erkunden! Bei uns ist das auch erst seit vier Jahren möglich, davor waren eben Kinder und Heim eine wichtigere Priorität. Aber Recht gebe ich dir, es gibt vieles was man sehen sollte, das ist nicht nur ein Geschenk es zu erfahren sondern macht auch sehr Reich im Bezug auf die Sicht der Welt.

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  • 22. August 2015 um 13:33
    Permalink

    Wie toll, Karin. Da hattest Du ja wirklich ein prägendes Elternhaus… Ein großes Geschenk zugunsten einer großen Weltsicht!

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  • 22. August 2015 um 11:25
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    Reisen. Das Ying und Yang meines Lebens. Für mich ist die Reise von A nach B – egal ob mit dem Auto, Schiff, Zug oder, im schlimmsten Fall, dem Flugzeug – absoluter Horror. Die Nacht davor schlafe ich nicht gut, bin wie unter Strom, gehe im Kopf immer wieder durch, ob ich auch alles eingepackt habe, als wäre der Ort an den ich Reise das Ende der Welt ohne ein einziges Geschäft.
    Aber ich will die Welt sehen. Ich glaube, dass wir Menschen ohnehin zu wenig vom Leben haben und das es ein Wunder ist, dass wir auf diesem Planeten leben, so wie die ganze Entstehung der Menschheit ein Wunder ist. Ich fände es einfach schade, wenn ich irgendwann mal am Ende meines Lebens angekommen wäre und diesen Planeten kaum gesehen hätte.
    Die Natur ist das Einzige, dass es schafft, mir die Luft zu rauben. Dann sitze ich da und denke, alles was nicht von Menschenhand geschaffen ist, macht wirklich glücklich, zufrieden und demütig. Seien es Pflanzen, die Wolken, die Sonne, Berge, Wasserfälle, Meer, Buchten, Sanddünen oder Tiere. Es sind die Landschaften, die mir Tränen in die Augen treiben. Deswegen nehme ich das Reisen dorthin in Kauf. Versuche mich zu überwinden im Rahmen meiner Möglichkeiten und freue mich am Ende, dass ich geschafft habe. Vor allem wieder nach Hause 😉

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