Über den Krieg twittern

Der Twitteraccount @9Nov39 hat mich sehr berührt, als er die Geschichte dieses Tages bzw. auch der Zeit davor und danach und wie sich Diskriminierung, Rassismus und systematische Verfolgung aufbauten, nacherzählte.

Ich erinnere mich, dass ich an einem Wochenende die Tweets der Nacht nachlas und weinend am Frühstückstisch saß. Über einige Wochen hatte ich einzelne Menschen oder Familien bzw. deren Leben in dieser Zeit nachverfolgen können. Und dann kam das Ende und all der Hass, der sich im November entlud, viele Opfer hatte und dennoch nur ein Anfang war.

Screenshot 2015-05-03 22.56.49Tatsächlich habe ich mehr gelernt und hat es mich mehr berührt, als das mein Geschichtsunterricht je getan hat.

Der Account wurde nach dem Projektende unbenannt in @digitalpast und das Team entschied sich das Kriegsende über einige Monate digital zu begleiten.

Seitdem verfolge ich das Projekt. Anfangs weniger emotional involviert. Zuerst überlegte ich, ob das schon die „Gewohnheit“ ist, weil ich das erste Projekt ja schon verfolgt hatte? Aber ich merkte mit den Wochen, als die Taktzahl der Tweets auch erhöht wurde, dass es einfach eine kluge Inszenierung war, die mich auch langsam packte und als Leserin wieder involvierte.

Ich erlebte in den letzten Monaten Menschen auf der Flucht. Ich nahm auch teil daran, wie Menschen ihr Überleben organisierten, sprich Essen organisierten und was sie teilweise aßen. Das Projekt nahm mich auch mit in die KZs und nahm keine Rücksicht, sondern erzählte den Krieg und die Vernichtung so schonungslos, wie es eben für eine Aussenstehende sein kann.

2015-05-03 11.01.15Heute nun, war im Haus der Geschichte in Bonn ein Tweetup mit Rundgang durch die Ausstellung zum Kriegsende und anschließender Präsentation des Buches „Als der Krieg nach Hause kam“, welches das komplett anwesende Team gemeinsam geschrieben hat zwischen den beiden Projekten. Übrigens ein sehr berührendes Buch, welches nicht chronologisch, wie die Tweets aufgebaut ist, sondern in Themengebiete.

Tweetup heisst, dass besonders viele Twitterer anwesend sind und das man alles was man sieht und was erzählt wird auch live twittern darf und niemand wird meckern, weil man die ganze Zeit aufs Smartphone schaut. (Übrigens, die Leistung zuzuhören und paralell zu tippen und zu fotografieren, soll niemand unterschätzen.)

Es war gut vor der Buchpräsentation kurz durch die Ausstellung zu laufen.

2015-05-03 11.18.09Da war das Auto mit dem die Amerikaner am Kriegsende durch Deutschland fuhren und das meinen Großeltern und Eltern als „DAS“ Auto nach der Befreiung in Erinnerung geblieben ist.

Daneben hängen Flaggen der Befreier und die im Museum aufgehangenen sind tatsächlich Originalflaggen und die Sterne in der US Flagge sind nach Überlieferung aus einem Sommerkleid genäht worden.

Das berührt.

Genau so, wie es berührt die Schilder zu sehen, die man überall aufhängte und hoffte, dass die verlorenen Familienmitglieder sie sehen und man wieder zueinander findet nach dem Krieg.

Pragmatismus, in dem aus Helmen Nudelsiebe gemacht werden und aus Handgranaten Eierbecher, finde ich richtig, auch wenn der Eierbecher vielleicht nicht meine Prio gewesen wäre, ist Teil des Überlebens.

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Weit über 60 Leute waren da

Es war toll zu sehen, dass so viele Menschen zu dem Tweetup gekommen sind und zwar auch so viele unterschiedliche Menschen in allen Altersklassen. So viele wurden motiviert zu kommen und sich an einem sonnigen Tag mit dem Thema zu befassen und darüber zu berichten. Das ist ein gutes Gefühl.

Die Buchpräsentation war gelungen und interessant und herausgreifen möchte ich nur den einen Aspekt zum Thema „Geisteswissenschaften und neue Medien“.

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Buchpräsentation. Links: Charlotte Jahnz. Mitte: Moritz Hoffmann. Rechts: Moderatorin vom Haus der Geschichte.

Die Aussage von Charlotte Jahnz (Projektmitglied), dass von ihrem Seminar und ihren Professoren es keinerlei Reaktion darauf gibt und sie nicht weiß, was man dort davon hält, hat mich getroffen.

Spontan dachte ich „Was sind das für Professoren? Sind das noch die gleichen Alten aus der Tätergeneration, die mich noch unterrichtet haben?“ Aber ich gebe zu, dass es auch viele Jugendliche gibt, die von neuen Medien außerhalb von Facebook keine Kenntnis nehmen.

Die 5 Historiker, von denen ich 2 persönlich kenne, müssen stattdessen mit Vorwürfen kämpfen, dass sie aus dem Kriegsende ein Event auf Twitter machen, dass es zur Banalität verkommt und zu wenig in den Kontext gesetzt werden kann.

Ja, man kann immer was kritisieren. Aber manchmal sollte man Details einfach nur per email weitergeben und stattdessen mal das große Ganze sehen und einfach nur Danke sagen und Respekt vor dieser Leistung haben.

Hier schlagen sich junge Menschen ihre Freizeit ohne Bezahlung um die Ohren um zu zeigen, wie man Geschichte mit neuen Medien verknüpfen kann. Das finde ich mutig.

Mich hat auch das 2. Projekt sehr berührt. Anfangs lief es noch nebenbei. Dann merkte ich mir einzelne Geschichten und seit 2 Wochen lese ich jeden Tweet nach morgens und lese auch das ein oder andere mal im Internet nach.

War das Thema zu Schulzeiten noch ein reines Schuldthema mit dem ich wenig anfangen konnte, ist es heute für mich das geworden, was es ist: Geschichte aus der ich lernen möchte. Immer wieder. Mein Leben lang.

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Wer 50 Steine säuberte, bekam dafür eine Essensmarke.

 

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Wo bist du?

 

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Später übernahm das Rote Kreuz die systematische Suche von Vermissten.

 

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Signierstunde mit den Autoren.

 

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