Zyklus-Apps – viele süße Schnörkel um Nichts

Vor einigen Monaten landete ich zufällig auf einem Artikel, der sich „Frauen-Apps“ nannte. Mein Finger zuckte wild und ich schaute, welche Apps ich denn als Frau benötigen könnte, die ein Mann nicht benötigen würde nach Meinung der Redaktion.

Die Vorschläge des Redakteurs für die sogenannten Frauen Apps beinhalteten Shazam (Musiktitelerkennung), Tipps von Oma für den Haushalt, Hipstamatic, Draw Something und mein Kopf bestand aus einer Reihe aneinander gereihter Wölkchen mit „HÄ?“ darin, denn diese Apps hat doch jeder auf dem Handy unabhängig vom Geschlecht.

Und dann kamen die Zyklus-Apps. Zyklus ist mit Sicherheit mehr ein Frauenthema. Männer nehmen das Thema in der breiten Masse wohl eher als „Sex – wann darf ich und wann nicht“ wahr, wie ich Wochen später auf einer Konferenz merkte.

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Früher: links. Seit kurzem kann ich nun auf das Design rechts umschalten 😀

Ich selber nutzte bis dahin die App „Mein Kalendar“, die verspielt rosa schnörkelig daher kam und als Avatar konnte ich eine süße Katze oder einen putzigen Hund wählen. Als Mitt-Vierzigerin muss ich mich mit Apps, die ein Design für junge Mädchen haben, rumschlagen. Aber was tut man nicht alles, wenn man sichergehen möchte, dass man den 8 Stunden Flug nicht gerade bucht, wenn man seine Tage hat oder das Strategiemeeting nicht gerade am Eisprung ansetzt.

Glücklicherweise hat die App gerade ein Update gemacht in dem nun eine Ansicht möglich ist, die mich als Frau im reifen Alter auch wieder integriert.

Ihr hört schon: ich nutze die App nicht als Unterstützung einer gewollten Schwangerschaft, sondern eher als zusätzliche Verhütung bzw. spannender fände ich, wenn ich Zusammenhänge angezeigt bekäme und meine Gesundheit damit tracken und verbessern könnte. Also eben z.B. eine Schnittstelle zu Withings, Fitbit & Co. und meine Wechseljahre gut begleiten kann.

Die oben genannte App lernt also über die Jahre mit mir meinen Zyklus besser kennen und kann mir genauere Prognosen liefern. So weit, so gut. Ich kann auch jeden Tag mein Gewicht eingeben, meine Größe, meine Temperatur, kann zwischen ca. 30 Launen auswählen und mehrere für den Tag hinterlegen und dann natürlich auch sagen, was für Zipperlein ich an dem Tag hatte und Daten sichern und wiederherstellen und vor allen Dingen kann ich auch meinen Zyklus personalisieren.

Nun war ich auf der LeWeb und sah auf dem Main Stage insgesamt an den 3 Tagen 4 Frauen. And guess what … 2 davon stellten ihre total innovative Spitzenapp vor, die es so noch nicht gibt….. <TUSCH> nämlich einen Period Tracker oder Cycle Tracker oder wie auch immer der Oberbegriff für diese Apps aus dem Healthcare Bereich ist.

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Eindruck von Clue

Wow. Gespannt lauschte ich der ersten Vortragenden Ida Tin, die Clue vorstellte, die App, die damit wirbt, dass sie zuverlässig ist, wissenschaftich basiert und nicht pink.

Nein, pink kommt sie nicht daher und hat den Zyklus in einer Kreisdarstellung, was ich gekonnt finde. Man sieht mit einem Blick, wo man ist und zum Glück sind sich seit Menschengedenken alle einig, dass „die Tage“ mit ROT gekennzeichnet sind. Das war schon in meinen handgemalten Blättern als Jugendliche so und auch in den Exceltabellen später.

Geht man in die Kalendaransicht, gibt es auch die Möglichkeit einzutragen, ob man seine Tage sehr stark oder nur ein bißchen hatte und an Launen für den Tag kann man unter den folgenden Vier wählen: fröhlich, sensibel, traurig, PMS.

Glücklicherweise kann ich pauschal einstellen, ob mein Zyklus 28 Tage hat oder eher mehr oder weniger und die durchschnittliche Länge meiner Tage.

Das war es aber auch schon. Ich kann keine Datensicherung machen, ich kann meine Freunde nicht dran teilhaben lassen, es gibt kein Forum auf das ich  zugreifen kann, wenn ich eine Frage habe … und eine Korelation, ob ich immer 2 Tage vor Eisprung z.B. traurig bin, wird mir auch nicht dargestellt.

Die App macht nichts weiter, als 28+28+28 zu rechnen und immer die ersten 5 Tage (oder was auch immer ich einstelle) als Tage zu kennzeichnen und Tag 16 dann als Eisprung.

Meine Blätter von früher in einer App. Sonst nichts weiter 🙁

Die zweite App, die auf der LeWeb sogar einen dritten Platz machte, NaturalCycles, habe ich mir nicht angeschaut, weil es kostenpflichtig gewesen wäre. Bei Hunderten von kostenfreien Alternativen, war es mir das schlicht nicht wert. Die Screenshots, die ich dort sah zeigten nämlich schlichtweg auch nur einen Kalendar in den ich meine Daten eingebe und dann sagt er mir: da könnte dein Eisprung sein und dann bist du dann und dann fruchtbar.

Die Männer auf der LeWeb kommentierten diese Apps übrigens in Diskussionsrunden auf der Bühne als „Sexverhinderungs-Apps“ oder auch „Was, an so vielen Tagen darf ich nicht?“

Hier findet überhaupt keine Wahrnehmung darüber statt, dass der Zyklus zur weiblichen Gesundheit dazugehört. Wer sich im Bereich der Quantified Self oder eben Fitness Tracker Apps etc. befindet, sollte verdammt noch mal endlich dafür sorgen, dass Frauen hier auch ihren Platz finden und ihre körperlichen Grundlagen berücksichtigt werden.

Screenshot_2015-01-02-20-56-38Durch Zufall lernte ich jemanden von urbia.de kennen und sie erzählte mir, dass sie eine Eisprung App rausgebracht haben. Optisch clean, wenn auch rosa, gefällt sie mir. Auf den ersten Blick fiel mir auf, dass ich hier eine direkte Anbindung an die Website habe und zwar in Form des Forums in dem ich meine Fragen stellen kann oder Antworten suchen oder es gibt auch eine Serviceseite auf der immer neue Artikel vorgestellt werden zu Themen, die Frauen bewegen, die schwanger werden wollen.

Leider hat die App so große Schwächen, dass sie für mich gar nicht nutzbar ist: es gibt kein Daten Back up und vor allen Dingen, kann ich meinen Zyklus nicht individualisieren. Man hat seine Tage 5 Tage. Wenn man im Schnitt aber 2 hat, dann wird das hier nicht berücksichtigt. Die FAQ sagt dazu, dass es sonst zu komplex wird. Mag sein, aber für mich so unbrauchbar. Da können die meisten anderen Apps auf dem Markt mehr. Fieberkurven, Schleimbestimmung … alles dabei und damit eher fokussiert auf schwanger werden.

Meine Frustration war so hoch, dass ich nun noch die 2 bestbewertetsten Apps die mir angezeigt wurden runterlud: P Tracker und Glow.

Ich mach es kurz: P Tracker kommt im verspielten Mädchendesign daher, man kann individualisieren, Stimmung und Gewicht hinzufügen, aber keinerlei Temperaturkurve, Schleimbestimmung etc.

Glow ist mein Highlight. Kein Mädchendesign, sondern eine App für Frauen, die den Fokus nicht auf schwanger werden legt, sondern mich in meinem Zyklus begleiten möchte.  Temperatur, Gewicht, Sport, Zipperlein, Stress etc. kann alles eingetragen werden neben Eisprung, Schleim etc. Daneben gibt es dann noch eine Anbindung an eine Community und ein Datenexport ist auch gesichert. Super.

Auf der LeWeb hieß es, dass diese Apps im Bereich Healthcare den zweitgrößten  Share haben. Das versuche ich noch zu verifizieren, habe aber aktuell noch keine Angaben gefunden.

Was bleibt bei mir hängen?

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Intimes bei urbia und auch allen anderen Apps außer Clue

Frauen geben hier sehr bereitwillig eine Menge an Daten ein: wann hatte ich Sex, wie geht es mir, wie ist meine Temperatur, wie ist mein Schleim… viele Daten, die, wenn sie eine Schnittstelle in Fitness- oder Gesundheits Apps finden würden, die Gesundheit der Frau viel besser noch analysieren könnten, als das heutige Apps tun.

Aber Männer, die in der Regel die Erfinder und Entwickler sind, messen dem keine Bedeutung bei, finden es eher ein bißchen „Bä“ über Blut und Schleim zu reden und überhaupt geht es doch in den Apps darum, wann sie Sex haben können und wann nicht, oder?

Solange das das Verständnis von Männern in Bezug auf den weiblichen Zyklus ist, haben wir noch einen ganz weiten Weg zu gehen. Man hört ja endlich mal öfter Kritik daran, dass z.B. Medikamententests mehrheitlich mit Männern gemacht werden im jungen-mittleren Alter mit Idealgewicht. Die Angaben zur Medikamenteneinnahme lassen dabei viele Bevölkerungsgruppen aussen vor und Frauen einfach mal komplett.

Mich macht es sehr bestürzt, dass die vielen neuen Entwicklungen gerade im Healthcare Bereich zu wenige Schnittstellen bieten um miteinander zu reden, sich zu ergänzen und vor allen Dingen noch viel zu wenig Relationen hergestellt werden.

Mich bestürzt des weiteren, dass Frauen kaum präsent sind auch weiterhin als Erfinderinnen und Visionistinnen und die ganze Zukunft nach wie vor rein Männergetrieben ist.

Ich wünsche mir endlich mal eine Konferenz auf der Frauen nicht nur nicht unterrepräsentiert sind, sondern dann auch Dinge präsentieren, die nicht nur aus den Bereichen Healthcare oder Bildung kommen.

<tl;dr> Die Period Tracker Apps haben mich alle nicht vom Hocker gehauen und sind nicht mehr, wie die Übertragung der handgemalten Tabellen von früher in eine App.

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