LeWeb

Das war er nun: mein Traum einmal an der LeWeb teilzunehmen.

In den vergangenen Jahren habe ich mir immer wieder die ein oder andere Session auf YouTube angeschaut und war von dem ein oder anderen auch fasziniert. Ob Karl Lagerfeld, der mich mit seiner intuitiven iPad Bedienung überraschte, Ferran Adria nach dessen Talk ich nicht mehr weiß, was „kochen“ im Sprachgebrauch denn nun eigentlich ist und eben die Tatsache, dass hier die Größten (reichsten, einflußreichsten) der Techszene aufkreuzen.

Einmal Menschen mit großen Visionen treffen … das würde mir schon sehr gefallen.

2014-12-09 09.16.51In diesem Jahr war es dann endlich so weit und im Dezember ging es dann im strömenden Regen nach Paris zur Konferenz für Digitale Innovation auf der die heißesten Trends gezeigt werden und die Zukunft des Internetbusiness gezeigt wird. (So die Eigenwerbung)

Auf einem großen Areal bei den Fernsehstudios in St.Denis waren 3 große Hallen angemietet in denen nun die Konferenz stattfand. Tag 1 ist an mir vorbeigegangen ohne große Highlights oder Lowlights. Hauptsächlich habe ich Atmosphäre eingesaugt. Vor allen Dingen Pullmann stage ist eine riesige Halle in der zwar schöne Stände unten sind und dann geht man hoch zur Bühne, aber die Halle ist so hoch, dass sie nach oben hin einfach leer und trist wirkt. Ich schaute immer wieder nach oben und erinnerte mich an die tolle Gestaltung auf der re:publica, wo wirklich raumfüllend gearbeitet worden war.

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Gute Individualarbeitsplätze für konzentriertes Arbeiten

Viele Menschen, aber wenig Ecken, Räume, Plätze in denen Begegnungsmöglichkeiten gestaltet wurden. Kein Affenfelsen, keine Bierbänke mit Steckdosen. Eher so abgeschittete Arbeitsplätze. Toll, wenn man die im Alltag ab und an hätte, wenn man Arbeit macht für die man sich sehr konzentrieren muss.

Ich fuhr nach Hause mit dem Gefühl die Atmosphäre eingeatmet zu haben, 2 nette Gespräche geführt zu haben und einige Talks gehört zu haben, die ganz interessant waren.

Tag 2 war dann Aufregung pur, da ich natürlich einen guten Platz sichern wollte um mir Sir Tim Berners-Lee anzuhören in der Diskussionsrunde mit dem Gründer der LeWeb. So kam es, dass ich mir den großen Blog zu Healthcare auf der Hauptbühne anschaute, den ich sonst vielleicht nicht komplett angeschaut hätte.

Wearables waren das große Thema, daneben Biochemie und Datenanalyse und vor allem Gesundheitsvorsorge. Nun fing die Reihe der Enttäuschungen an. Wearables sind ein tolles Thema und Gesundheitsfürsorge auch, aber es blieb komplett an der Oberfläche mit Start ups, die im Grunde State of the art präsentierten. Etwas ausgefeilter und detaillierter … toll, aber ich hatte doch VISIONEN hören wollen.

Wo blieben die Diskussionen um Implantate? Mensch-Maschine Schnittstelllen? Also das, was in Labors schon längst Realität ist. Stattdessen wurde ich abgespeist mit der neuen App für Diabetiker und solche, die vorbeugen wollen. Ich gebe meine Daten ein, werde einer Gruppe zugeordnet und diese Gruppe erhält nun gleiche Aufgaben, die man individuell absolviert um sie dann in der Gruppe über die App zu diskutieren. Prinzip: Anonyme Alkoholiker übertragen ins Digitale. Natürlich freue ich mich, wenn so viele Menschen in Gruppen real etwas für ihre Gesundheit tun und Hilfe und Unterstützung erfahren. Aber dafür gibt es doch andere Konferenzen. Auf der Konferenz auf der die zukunftsweisenden Visionen präsentiert werden, musste doch was anderes kommen.

Ah .. .eine Frau. Brilliant. Aber jetzt word es toll, oder? Und dann wurde eine Zyklus-App präsentiert: Clue.

Fazit der Session: auch Clue kann nichts anderes als all die Hunderte Zyklus-Apps da draußen. Zyklus-Apps sind übrigens im Bereich Healthcare der zweitgrößte Sektor. Wieder was gelernt. Ich hab mir dann die App runtergeladen und kann eintragen, wann ich meine Tage hatte. Großartig. Jetzt sagt sie mir, wann ich schwanger werden kann und wann nicht im laufenden Zyklus. Toll. Sagt mir ja keine der anderen 100 Apps. Kann sie sonst noch was? Nein. Keine Daten exportieren und ich kann auch nicht eintragen, wie ich mich fühle … hm.

2014-12-10 14.27.10Ich greife nun dem Finale der Start ups vor mit 3 Finalisten von denen 2 Frauen waren. Und ratet, was die Eine für ein Start Up präsentierte: eine Zyklus-App. Auch runtergeladen. Mal schauen, was ich da kann. Aha … meine Periode eintragen und dann sagt mir die App, wann ich fruchtbar bin und wann weniger. Großartig. Hatte ich ja noch gar nichts von gehört … oh … wait … 🙁

Anders ausgedrückt: in 3 Tagen sah ich 4 Frauen auf der Hauptbühne und davon 3 aus dem Healthcare Sektor (hatten alle 3 Familie mit Kindern) und davon 2 mit einer Zyklus-App.

Was läuft falsch in einer Welt in der Frauen im Jahr 2014 scheinbar immer noch in gesellschaftlichen Strukturen stecken in denen sie keine Möglichkeit haben sich mit Themen außerhalb der Familie zu beschäftigen?

Der Gründer der LeWeb sagte irgendwann am 1. Tag, dass auch viele Frauen eingeladen waren und die Chance zu reden gehabt hätten, aber absagen mussten. Hm … die Frauen sind also selber schuld? Sie können ja kommen? Sie sind ja eingeladen? Leider hat er nicht die Frage beantwortet, was die LeWeb gedenkt strukturell zu ändern, damit Frauen besser teilnehmen können. Denn Tatsache ist, dass es Absagen sind, weil viele dieser Frauen eben mit Kindern reisen müssen (Kosten) und dann in Paris sich um die Kinder kümmern müssen, obwohl sie doch hier networken wollten.

Einerseits regt es mich auf, dass Frauen sich selber nur mit Zyklus-Apps darstellen, aber andererseits bin ich auch wütend, dass auch die Generation nach mir noch in Strukturen steckt in denen Frauen in der Realität einfach wenig Chancen haben. Theoretisch haben wir ganz ganz viele Chancen und Gleichberechtigung, aber gelebt wird das anders.

2014-12-10 11.37.14Über den Talk von Tim Berners-Lee referiere ich hier nicht. Schaut es euch halt an. Auch wenn er nicht der beste Redner ist, ist er ein kluger Kopf, dem zuzuhören sich lohnt.

Was mich dann ebenfalls störte, waren tatsächlich ein paar französische Eigenheiten (ich behaupte jetzt mal, dass es französisch ist). Da kommt der Wirtschaftsminister für eine Podiumsdiskussion mit dem Gründer. Die beiden sitzen auf der Couch, plaudern, diskutieren und dann artet es aus in ein „Ich habe das Recht als Franzose auch reich zu sein.“ Ich sitze sehr befremdet in der ersten Reihe in einem dieser fetten schwarzen Sessel. Wir Franzosen müssen stolz sein auf uns. Laßt uns als Franzosen das Internet neu gestalten. Ich google noch mal schnell, ob ich einen Regierungswechsel in Frankreich verpaßt habe. Schon wieder Monarchie oder noch in der Demokratie, man weiss es nicht.

Gut, dass ich auf der LeWeb war. Ein Mythos hat seinen Glanz verloren. Es ist spannend einmal da gewesen zu sein, aber ein zweites Mal ist es für mich als Privatperson auch uninteressant.

2014-12-10 17.33.56Ich empfehle die LeWeb jedem Großunternehmen aus der Szene. Hier kann man die großen Deals besprechen. Nebenbei tagsüber oder abends auf einer der vielzähligen Parties, die die Sponsoren organisieren, wie z.B. im Moulin Rouge am ersten Abend, bezahlt von PayPal.

Die zweite Zielgruppe sind Start ups mit einer großen! und international umsetzbaren Idee. Hier auf der LeWeb sind die unauffälligen Typen evtl. die Interessantesten, weil hier einige richtig fette Privatinvestoren rumlaufen. Wer also das nächste Uber im Kopf hat, der wäre hier richtig. Für allen anderen ist es eine Nummer zu groß.

Desillusioniert sitze ich später im Thalys nach Köln und merke, dass auf meine alten tage das Thema „Frauen“ mich immer mehr beschäftigt. Vielleicht ändert sich die Welt gar nicht so schnell, wie ich als denke.

2 Gedanken zu „LeWeb

  • 23. Dezember 2014 um 0:34
    Permalink

    Hätte jetzt allerdings auch echt nicht gedacht, dass selbst die Le Web so männerdominiert ist… bzw. die Frauen sich auch nur für DAS Frauenthema schlechthin hingeben. Schade. (Ich hab übrigens keine Zyklus App)

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    • 31. Dezember 2014 um 20:31
      Permalink

      Wenn man in anderen Panels oder Workshops war, dann kann das ein ganz anderes Bild gewesen sein. Aber das hier ist „leider“ meins.

      Ich habe nun 4 Zyklus Apps und frage mich, was das soll. Ernsthaft: eintragen, wann ich meine Tage hatte und dann 28 Tage weiter rechnen, kann ich auch händisch ohne großen Aufwand. Da sehe ich die Übertragung ins Digitale als… hm … überflüssig.

      Antworten

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