Geiz ist geil – es nervt Deutschland!

ACHTUNG: nicht lesen, wenn ihr ein Problem damit habt, dass ich gerade viel Geld für ein Auto ausgebe und auch nicht vorhabe so zu tun, als wäre das nicht viel Geld.

Dieses Jahr steht ja ein neues Auto an. Also so ein richtiges Auto. So eins mit Gaspedal. Mit Blinki Blinki. Und mit viel Media Schnick Schnack.

Bekanntermaßen habe ich ja keine Ahnung von Autos. Es interessiert mich schlichtweg nicht. Ich will von A nach B und zwar ohne in einem Öffentlichen Verkehrsmittel mit schwitzenden Fremden auf Hautkontakt zu gehen. Öffis sind für mich ein Eingriff in meinen persönlichen Raum, den ich zum Wohlfühlen brauche.

Also hatte ich vor einigen Monaten eine Testfahrt mit dem Golf Plus gemacht und den wollte ich dann vor einiger Zeit kaufen. Also ging ich in ein Autogeschäft der Marke Volkswagen.

„Ich möchte ein Auto kaufen.“

„Das freut mich, dann kommen sie mal mit und wir schauen, was ihnen am Auto wichtig ist.“

„Mir ist die Farbe wichtig. Es soll lila sein oder pink. Motor haben die ja alle.“

„Aber so eine Farbe haben wir nicht.“

„Sie können mir kein Auto in lila verkaufen?“

„Nein.“

„Öh“

PAUSE

Ich dann wieder: „Egal wie viel Geld ich ihnen jetzt auf den Tisch lege, sie können mir das Auto nicht in meiner Wunschfarbe lackieren?“

„Natürlich kann man das lackieren in jeder Farbe. Aber das ist soooo teuer. Das können Sie sich nicht leisten.“

WHAT?

Ich kann mir das nicht leisten? Hat VW Kontakt zur NSA? Wussten die deshalb aus meinen Emails, dass ich heute vorbei komme und haben sich direkt mal meine Kontoauszüge angeschaut?

100 Gedanken in Millisekunden, während mir mein Unterkiefer runterklappt und ich es auch nicht mehr verhindern kann. Da sitze ich nun sprachlos mit leicht geöffnetem Mund, schaue mit diesen Gesichtszügen definitiv nicht mehr intelligent oder hübsch aus.

Stimmt. Ich sehe nicht reich aus. Trage keine Markenklamotten. Habe keine Svarowskisteine an irgendwelchen Accessoires. Dabei bin ich reich. Also, finde ich. Und zwar aus 2 Gründen: 1. ich verdiene so viel, dass ich sparen kann und mir dann ein Auto von kaufen kann und 2. weil ich eine Ausbildung machen durfte, gesund bin und zu einem selbstbewussten Menschen erzogen wurde, der alles schaffen kann.

Ich empfinde sowohl das finanzielle, wie auch das Wertesystem als Reichtum.

Jetzt sagt mir dieser Mann, dass ich, die dicke Frau mit dem bunten Batik T-Shirt, nicht reich genug bin.

Es hat lange gedauert bis ich mich nun in den nächsten Autoladen getraut habe. Da mittlerweile der Golf Plus nicht mehr gebaut wird, befinde ich mich nun in einem Mercedesgeschäft.

Vorab: da hab ich ein Auto gekauft. Aber nur, weil ich die Zähne zusammenbiss.

„Ich möchte ein Auto kaufen.“

„Sehr schön. Soll es ein Gebrauchtwagen oder Neuwagen sein?“

„Ich weiss nicht. Können wir nicht überlegen, was das Auto haben soll und dann schauen wir, ob sie einen Gebrauchtwagen haben oder nicht.“

„Ja, aber wenn wir die Ausstattung dann nicht haben, dann müsste es ja ein Neuwagen werden und der ist viel teurer.“

„Ist das schlimm?“

PAUSE <diesmal auf Seiten des Verkäufers>

„Es soll also eine B-Klasse sein und gibt es etwas, was ihnen besonders wichtig ist?“

„Ja. Ich habe im Ausstellungsraum schon gesehen, dass sie ein Lila in der Farbpalette haben. Können wir zuerst schauen, ob sie die Farbe für das Auto da haben, dass ich suche?“

„Gerne …. <sucht> … sehen sie, die Farbe haben wir.“

„Sehr schön, aber geht es auch was heller?“

„Nein.“

„Sie meinen, wenn ich Paris Hilton bin und das Auto in einem besonderen Ton möchte, dann sind sie nicht in der Lage mir einen Mercedes hinzustellen in der Farbe die ich möchte?“

„Gehen tut das. Aber das sind unglaubliche Preisaufschläge. So viel kann einem doch keine Farbe wert sein.“

„Hm….“

<Er erklärt mir nun die Preisaufschläge für Farben und warum es die enormen Unterschiede gibt und ich bin zufrieden und habe das endlich verstanden>

„Vielleicht sollten wir über den Motor reden…“

„Interessiert mich nicht. Können wir über Multimedia Schnick Schnack reden?“

„Gerne“

<Er erläutert nun das Navi, dass standardmäßig im Auto ist>

„Das ist ja nett, aber gibt es mehr?“

„Natürlich, aber das große Command System bauen wir eigentlich nur bei den großen Autos ein. Die Käufer der Kleinen wollen es eher günstig haben.“

„Hm … aber es geht?“

„Ja.“

„OK. Dann erklären sie es mir doch bitte, damit ich mich entscheiden kann.“

Er erklärt nun für mich atemberaubende Dinge. Ich wähne mich kurz vor dem Durchbruch ins Perry Rhodan Zeitalter und spüre eine leichte Erregungskurve.

—————————

Fazit: ich finde es so anstrengend dauernd nur „billig“ verkauft zu bekommen. Das war schon früher bei der Radreparatur so. „Klar können wir das, aber das ist doch günstiger, wenn sie das schnell machen.“ JA; ABER ICH HABE KEINE AHNUNG; ES INTERESSIERT MICH NICHT UND DIE VERFICKTEN 15 DM GEBE ICH GERNE DAFÜR AUS; DASS ICH MICH NICHT STRESSEN MUSS.

Warum ist es so schwer mein Geld auszugeben, wenn ich nach einer guten Beratung davon überzeugt bin, dass ich das möchte, weil ich einen Mehrwert sehe?

Ganz ehrlich? Ich hab jetzt schon Angst vor dem nächsten Autokauf in 10 Jahren.

6 Gedanken zu „Geiz ist geil – es nervt Deutschland!

  • 10. August 2014 um 10:40
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    Das ist ein ganz wunderbarer Artikel. Ich habe so einen Onkel, der hat auch recht viel Geld, was man ihm aber auch nicht ansieht. Der gerät dann auch immer in Situationen, in welchen ihm von Anbietenden verschiedenster Dienstleistungen nicht geglaubt wird, dass er sich die auch echt leisten kann. Das tut mir jetzt aber nur so mittel leid. Denn sobald, Ihr überzeugend belegt, dass Ihr das Geld habt, werden die ja auch wieder zutraulich oder etwa nicht?

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  • 5. August 2014 um 15:46
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    Einmal wurde mir sogar eine Probefahrt verweigert, weil er scheinbar nicht glauben konnte, dass ich ein Auto kaufen wollte! Ich bin gegangen und habe dann woanders Geld ausgegeben!
    Andere Autohäuser haben mich aber auch nicht besser behandelt.
    Ich wüsste gerne woran das liegt?
    Danke für deine Blogbeitrag, du hast mir aus der Seele geschrieben! 😉
    Ich würde ja zu gerne deine violette B-Klasse sehen *hehe*

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  • 1. Juli 2014 um 8:20
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    „Ist das schlimm?“ – Herrlich! Und was ist es denn nun für ein Auto geworden?

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    • 1. Juli 2014 um 8:24
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      Eine Mercedes B-Klasse mit Schnick Schnack, den der normale „Billigkäufer“ dieses Autos nicht haben möchte damit es günstig ist Da gibt man so viel Geld aus und wird zwischen den Zeilen als minderwertiger Pöbel betrachtet.

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  • 1. Juli 2014 um 7:58
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    Ich könnte mir vorstellen, dass die Autofirmen erst einmal die Ware, die im Laden geparkt ist, verkaufen möchten. Das ist ihr eigentliches Geschäft. Wenn jetzt Paris Hilton oder Du vorbeikommen, um ein pinkfarbenes Cabrio mit perlenbesetztem Außenspiegel zu erwerben, dann bedeutet das weder für den Konzern einen Riesengewinn, noch für den Autoverkäufer eine besonders hohe Prämie.

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    • 1. Juli 2014 um 8:26
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      Du hast recht natapastasciutta. Der Verdienst an meinem Zusatzschnickschnack ist sehr gering. Irrelevant. Es vergrätzt die Kunden. VW hat das Geschäft nun nicht mit mir gemacht. Mercedes hat es mit mir gemacht. Aber Tatsache ist: hätten sie es nicht gemacht, wäre es auch egal, denn die Käufer von A- oder B-Klasse (also niedriges Segment) sind wohl umsatzmäßig schlichtweg irrelevant. So behauptete es ein befreundeter Autohändler mit gegenüber.

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