Soziales Engagement, soziale Isolation und Spaß

Mein Vater ist nun genau 9 Jahre tot. Ging ins Krankenhaus, dachte, er habe was an der Bandscheibe und dann war es Bauchspeicheldrüsenkrebs im fortgeschrittenen Stadium und dann war er auch schon tot.

Mich hat das gänzlich überrascht. Irgendwie hatte ich bei einem Alter von 70 Jahren und sehr sportlichen Eltern noch nicht daran gedacht, dass diese einfach so sterben können.

So traurig es ist, ist es aber die Natur, dass Eltern vor den Kindern sterben und ich konnte das für mich sehr gut verarbeiten. Dabei geholfen hat mir aber auch meine Rückkehr zur Musik. Als Kind am Klavier, hatte ich dann als coole Jugendliche natürlich zum Saxophon gegriffen und sogar den zweiten Platz bei Jugend jazzt gemacht.

Jetzt war ich Mitte 30 und irgendwo in einer Umzugskiste tauchte die Blockflöte meiner Urgroßtante auf. Die Flöte könnte den Krieg mitgemacht haben, so wie sie aussah.

Eine Luftröhrenentzündung legte mich arbeitsmäßig lahm und die Decke fiel auf den Kopf. Also schnell mal gegoogelt und festgestellt, dass es 3 Straßen weiter ein Blockflötenensemble gab. Na also. Die paar Löcher werde ich doch in der richtigen Reihenfolge zudrücken können.

Ich rief die Leiterin an und es gab ein denkwürdiges Gespräch:

… bla bla …

„Welche Flöte spielst du denn?“

„Ja, also das ist so ….. <tief Luft geholt um eine lange Geschichte zu erzählen>“

„Bestimmt Tenorblockflöte?“

„Ja, genau“.

„Prima. Weil Alt und Sopran brauchen wir ja nicht.“

„Nein, natürlich.“

… bla bla ….

4 Tage später sollte ich nun zur Probe kommen.

Mit meiner Tenorblockflöte.

Himmel war ich froh, dass es das Internet schon gab. T-E-N-O-R-F-L-Ö-T-E aha! Hm. Zu Tonger nach Köln gefahren. Die hatten Tenorblockflöten, denn meine war eine Sopranblockflöte. Die, die halt alle Kinder kriegen. Dieses fiepsende Etwas. WAS? 800€ für eine Tenorblockflöte? Moment ….

Es gab 2 Möglichkeiten: zu der Probe zu gehen und zuzugeben, dass ich gelogen hatte oder die Flöte kaufen.

7 Jahre später spiele ich noch immer in dem Ensemble und habe mittlerweile alle Tenorflöten verkauft. Ich besitze noch eine Sopran und eine Altflöte und meinen Bass und den heißgeliebten Subbass. (Ich binde hier mal ein YT Video ein, damit ihr seht, wie ein Subbass aussieht und wie man ihn spielen kann)

Mittlerweile bedeutet mir das Spielen in diesem Ensemble sehr viel. Nein, musikalisch sind da die Wenigsten und zwar einschließlich mir. Auch ist Notenständer umwerfen, alle Notenblätter vom Ständer wischen, in die Flöte grunzen, weil die Halsmuskulatur nicht mehr so straff ist, beleidigt sein, wenn man beim Konzert nicht in der ersten Reihe sitzen darf und ein „Ich habs richtig gespielt“ die beliebtesten Disziplinen.

Es gab eine Mitspielerin, die mit weit über 80 Jahren noch mitspielte und sehr schlecht hörte. Die Folge war, dass sie egal ob leise oder laut immer gleichmäßig sehr laut in die Flöte blies um sich zu hören. Und es war dieser Moment in dem ich ein großes Stück Toleranz lernte. Ich will auch einmal über 80 Jahre sein und noch mitspielen dürfen, damit ich nicht 24h am Tag zuhause sitze in der sozialen Isolation, weil ich keine Leistung mehr bringe. Ich will integriert werden von den dann Jungen. Auch wenn es mich musikalisch nicht weiterbringt, finde ich es wichtig hier dabei zu sein und alte und junge Menschen im Miteinander zu erleben und zu unterstützen.

Aber es hilft auch mir, weil ich hier eine ganz andere Welt erlebe. Werte wie die traditionelle Familie sind hier hoch im Kurs und Sex gibt (gab) es in der monogamen Zweierbeziehung und es ist wichtig darüber zu reden, wie das früher im Krieg war, obwohl bis auf 3 alles Nachkriegskinder sind, wie ich und dann sind da diese geschleckten Häuser mit den traditionellen Zimmeraufteilungen und jedes Mal denke ich, dass meine Wohnung wie eine Studentenbude anmuten muss, obwohl sie das wahrlich nicht ist. Ich dürfte die teuerste Küche haben und das teuerste Technikequipment, aber de facto besitze ich keinen Kleiderschrank, keine Schrankwand und mein Bett besteht zwar aus sehr guten Matratzen und Lattenrosten, aber es liegt alles auf Paletten auf. Die sind stabil. Halten über 2500 Kilo aus. Und sehen tut man die auch nicht, weil verkleidet.

Aber aktuell bin nicht nur ich für das Ensemble da, sondern auch die für mich, auch wenn sie das nicht wissen. Ich bin vor ca. 2 Jahren langsam in eine soziale Isolation gerutscht. Mich entziehen war irgendwie einfacher, als Kraft haben und stark sein und da es beruflich plötzlich sehr große Umwälzungen gab, die viel mentale Stärke bedeuteten und mir meine Lebensfreude aus den Adern saugten, war es für mich wichtig, dieses Ensemble in meinem Leben zu haben.

Da blieben die Probleme immer gleich. Meine Rolle immer dieselbe. Es war so entspannend zu wissen, dass ich hier keine Veränderung erfahre. Und so traurig mich das aktuell auch macht, weil ich wieder genug Kraft habe und verändern will, so sehr hat es mir auch in Zeiten großer Veränderung geholfen, dass hier die Welt stehengeblieben war. Bei Kaffee und Kuchen war die Welt in Ordnung.

Aber es kann alles nicht darüber hinweg täuschen, dass das Niveau aktuell sehr stark absinkt, weil sie eben älter werden und ein Alter erreichen in dem es einfach langsamer geht.

Und so überlege ich in einem zweiten Ensemble zu spielen, auch wenn es etwas weiter weg ist. Aber dort wird mehr Leistung gefordert, es hört sich folglich schöner an, es ist organisierter und der Durchschnitt der Mitspielerinnen sehr viel jünger.

2013-05-25_Blockflötenkonzert_Flöten am Bühnenrand

Auf dem Foto sieht man von Links nach Rechts folgende Blockflöten: Bass, Subbass, Subbass, Tenor, Alt, Bass und davor die Tenorflöte, die den Bass überdeckt unten, Großbass, Alt, Tenor.

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