Kristallnacht

Über das Dritte Reich habe ich in der Schule viel gelernt.

Zumindest theoretisch. Laut Lehrplan. Praktisch könnte ich nicht sagen, dass da viel hängen geblieben ist. Was mir in der Schule vermittelt wurde, hat mich nie besonders berührt. Der Tod von ~13 Millionen Menschen berührt mich nicht? Davon ~6 Millionen Juden?

Meine Geschichtslehrer waren Männer, deren Geburtsjahre im Krieg lagen, zu jung um Täter zu sein, zu alt um nicht direkt Betroffene zu sein. Die Vermittlung des Krieges war in jeder Schulphase geprägt davon, dass meine Lehrer offen darüber reden wollten, weil man ja nicht Täter war und deshalb die Schuldfrage immer zentral in den Mittelpunkt gerückt wurde über die die Tätergeneration sich ausschwieg.

Andererseits ist unterbewußt natürlich bei jedem der Wunsch die eigenen Eltern, die zur Tätergeneration gehören, auch zu schützen. Die Familie zu schützen ist ein Reflex, den wir haben.

Das heißt, dass die Männer, die mich über den 2. Weltkrieg etwas lehren wollten zu betroffen waren. Unterschwellig spürte ich diese Zerissenheit der Lehrer. Meinen Geschichtsunterricht würde ich zusammenfassen als 7 Jahre (5-10.Klasse plus Sitzenbleiben) Pauken von Fakten, verbunden mit wöchentlich mehrfach eingeprügelter Schuld. Aber für mich war es schwierig diese Schuld, die ich haben sollte zu verstehen und zu akzeptieren.

Und wer glaubt, dass ich den 2. Weltkrieg nur in Geschichte 7 Jahre! gemacht habe, NEIN!

„Als Hitler das rose Kaninchen stahl“ las ich zudem im Deutschunterricht, im Jahr darauf im Englischunterricht und im Jahr darauf im Französischunterricht. Was ich in Sowi gelernt habe? 3 Mal dürft ihr raten. Auch hier haben wir das 3. Reich beleuchtet.

Mit Gewalt wollte man uns ein Thema einprügeln ohne dabei jemals Authentizität zu haben und persönliche Geschichten zu erzählen. Warscheinlich konnte das diese Generation auch überwiegend nicht.

Im Oktober 2013 wurde ich dann auf den Twitteraccount @9nov38 aufmerksam, weil eine Frau der ich folge eine der 5 Schreiberinnen dahinter war. Ich folgte direkt, fand die Idee erst einmal ganz große klasse und machte mir keine großartigen Gedanken darüber, was da auch mich zukommen könnte.

Im November nahmen die Tweets langsam zu und es passierte die Absurdität des Lebens in dem Leid und Freud nebeneinander liegen. Da wird berichtet von Verfolgungen jüdischer Mitbürger und daneben twittert jemand, dass sein Metzger keine Mettbrötchen mehr hat.

<schluck>

Hab dann kurz überlegt, ob ich auf Tweetdeck eine eigene Spalte mache in die ich alle Tweets von @9nov38 reinschiebe und damit meine Timeline nicht zu einem skurrilen Schauplatz von Belanglosigkeit und Tod mache. Aber ich entschied mich dann dagegen und der Account blieb zwischen Mettbrötchen, Wanderfotos und Mimimi-Tweets.

Am Wochenende des 9./10. Novembers nahm die Anzahl der Tweets dann zu. Und meine restliche TL wurde ein bißchen ruhiger. 75 Jahre später erlebte ich, wie von Rath in Paris starb, wie die Unruhen danach befeuert wurden und in einem Mob ausarteten, dessen Menschenverachtung mir 5 Menschen, die den Account betreiben in diesen Tagen sehr nahe brachten. Näher als meine Geschichtslehrer es in 7 Jahren Geschichtsunterricht je konnten.

Ich lernte Herrn Löwenstein in Oelde kennen, die Familie Joseph in Frankfurt, Herrn Spiegel in Warendorf, die Korsettmanufaktur Davids uvm. und erlebte, wie die damalige Synagoge in der Bonner Tempelstr. angezündet wurde.

Da sind Menschen, die wahllos gefoltert werden. Es gibt keinen Grund. In kleinen, aber deshalb nicht verdaulichen, Häppchen, werden sie mir nahe gebracht. Sind plötzlich bei mir und in meinem gewaltfreien Leben in einer reichen Gesellschaft auf meiner Couch oder an meinem Frühstückstisch.

Sonntag morgen sitze ich dann auch weinend am Frühstückstisch während ich die Timeline nachlese. Ich werde stumme Beobachterin von Gewalt gegen Menschen. Menschen, die gemeinsam mit meinen Großeltern und Eltern dieses Land gestaltet haben und nun als Sündenbock herhalten müssen und der geschürte Hass und die Hilflosigkeit entlädt sich in unvorstellbarer Gewalt gegenüber ihnen.

Ist Twitter der richtige Ort und das richtige Format? Man kann Geschichte zwischen Essensfotos und Mimimi-Tweets nicht näher bringen? Das soll jeder für sich entscheiden. Aber im Geschichtsunterricht zwischen weitergereichten Zettelchen „Willst du mit mir gehen? Bitte kreuze an…“ und dem Blick auf die Uhr, weil man auf das Pausenklingeln wartete oder dem verzweifelten Versuch noch die Hausaufgaben für die nächste Unterrichtsstunde hinzukriegen, war es nicht besser aufgehoben.

Twitter mit seinen 140 Zeichen ist genau mein Format und hier schaffen 5 Menschen mir mit ihrem privaten Engagement Dinge näher zu bringen, die im Schulunterricht an mir vorbeigerauscht sind und mich irgendwann aufgrund der ständigen Mahnungen und der Menge überhaupt nicht mehr interessierten. Es wurde zu einem Rauschen, dass an mir vorbeiging.

Danke für dieses großartige Experiment mit denen ihr so viele Menschen erreicht habt.

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