„Halt doch einfach mal die Klappe. Es ist 6 Uhr.“

Ich bin extrovertiert.

Ich bin mir nicht sicher, wie ihr euch einen extrovertierten Menschen vorstellt, aber ich bin die Frau, die gerne auf einer Bühne steht. Gib mir ein Thema von dem ich Ahnung habe und ich kann 30 Jahre auf der Bühne mit glänzenden Augen stehen. Das macht mir Spaß. Nimmt mir Angst. Ich fühle mich dort frei. Narrenfreiheit. Ich darf alles. Die Masse wird mich nicht mit Tomaten bewerfen.

Sobald ich meine Wohnungstür hinter mir geschlossen habe, breche ich aber regelrecht zusammen.
Was dann passiert, wenn ich zuhause bin, weiß keiner. Die Wahrnehmung meiner Person geschieht ja nur über das, was ich repräsentiere, sobald ich meine Wohnung verlasse. Und dann empfinde ich mich als klar extrovertiert. Vielleicht kann man es auch zusammenfaßen mit einem „Ich bin Rheinländerin“.
In meinem Job bin ich ein eher dominanter Typ. Rede gerne, sorge für den Small Talk in neuen Gruppen, gehe sehr offen auf neue Menschen zu, weiß mich in Szene zu setzen und wenn ich meine Ideen gut finde, dann kämpfe ich für sie. Im Mittelpunkt zu stehen, macht mir in diesen Momenten nichts aus.

    • Als Kind nahm ich früher den Schulbus und ich war immer 10 Minuten früher an der Bushaltestelle um allen noch zu erzählen, was ich gestern gemacht habe, was ich gegessen habe oder später auch nur um cool eine zu rauchen und dabei von allen gesehen zu werden.
    • Als Jugendliche war ich 2 Jahre Schulsprecherin und 1 Jahr auch in der Bezirksschülervertretung. Schulreform war gerade mal wieder Thema und Demos organisieren und in der ersten Reihe stehen war mein Ding
    • Als junge Erwachsene engagierte ich mich in einem großen Verein und war dann dort auch viele Jahre Vorsitzende. Ich behaupte mal: mich kannte jedeR in dem Laden. Ich war der bunte Hund. Der Dreh- und Angelpunkt für viele.

Klar extrovertiert, oder?

In Gesprächen mit Freunden aber immer wieder dieses „Ich selber nehme mich aber anders wahr“ oder auch ein „Ich bin aber ganz anders“. Immer wieder der Kummer darüber, dass Menschen mich anders wahrnehmen als ich es selber tue und das Unwohlsein, dass niemand versteht, wie schwer mir bestimmte Dinge fallen.

  1. Ich reise gerne alleine und empfinde andere Menschen als Belastung, weil ich mich um sie kümmern muss und darum, dass es ihnen gut geht auf der Reise.
  2. Ich hasse Parties. Ja, das ist schon fast Hass. Diese kichernden, lauten Menschen, die besoffen sind, bereiten mir körperliches Unwohlsein.
  3. Freunde besuchen ist toll, aber ich will nicht bei ihnen übernachten, weil ich mich verpflichtet fühle nett zu sein. Ich muss unterhalten oder zuhören oder Dinge hören und tun, die mich langweilen oder essen gehen, wenn ich lieber mit einem Buch im Bett liegen würde und vor allem habe ich die größte Panik davor einen Migräneanfall zu bekommen und in Wohnung über Stunden kotzen, wenn alle mithören, ist einfach nicht schön. Da bin ich lieber alleine.
  4. Und immer dieses Vorwurfsvolle „Wie? Da warst du nicht? Das hast du nicht gemacht?“ Nein. Habe ich nicht. Ich habe keinen Spaß am Stadtfest, an Open Air und auch den Irrgarten wollte ich nicht besuchen. Stattdessen saß ich in einem Kaffee und habe Menschen auf dem Markt, am Hafen oder sonstwo beobachtet und bin sehr zufrieden mit mir und der Welt nach Hause.
  5. Auch beliebt in meiner Skala sind Sätze wie „Das geht doch billiger, wenn du …“ Ja, ihr habt recht. Es wäre billiger würde ich bei Freunden auf der Couch schlafen oder in Bussen reisen, wo ich nicht in die Sitze passe und nah gepresst an Menschen sitze oder gar eine Gruppenreise in Erwägung zöge … aber es wäre Stress, den ich nur mit massiven Migräneanfällen bewältigen könnte und ein Migräneanfall im Bus… na Prost Mahlzeit … das braucht wirklich gar niemand.
  6. Für mich kann schon ein Supermarktbesuch restlos erschöpfend sein. Die Musik, agressive Menschen auf der Jagd nach billigen Lebensmitteln … mir graut es …
  7. Was ich nach dem Lesen des wunderbaren Beitrags von Patrick „Geständnisse eines introvertierten Reisenden“ noch hinzufügen muss, da es sehr essentiell ist: ich besitze keine Begeisterungsfähigkeit. Euphorie und Ausflippen sind mir eher unbekannte Emotionen, die ich aber im Gegensatz zu Patrik sehr wohl mit einem „Mega geil“, „Krass“ oder ähnlichem kommentiere (das habe ich erlernt), aber dabei kreische ich nicht 2 Oktaven höher 😉
  8. Kraft schöpfe ich aus 2 Dingen: zufrieden mit mir alleine sein oder mit einer sehr guten Freundin oder sehr gutem Freund bei einem intensiven Gespräch versumpfen. Party machen hingegen wirkt auf mich wie die Dementoren in Harry Potter.

Nach dem Stöbern in Patrick`s Blog hab ich noch den Test gemacht, der als Resultat hat, dass ich deutlich introvertiert bin.

Und nun?

Bin ich introvertiert?

Patrick schreibt auf Introvertiert.org , dass es Veranlagungen sind und nix was man erlernt. Müsste ich mich zwischen introvertiert und extrovertiert entscheiden, dann würde ich sagen, dass ich von der Veranlagung her ein introvertierter Mensch bin, der von Geburt an gelernt hat extrovertiert zu sein.

Da kommt dann wieder Familiengeschichte ins Spiel. Man hat Veranlagungen, aber ich bin davon überzeugt, dass schon Babys instinktiv alles tun um zu überleben, wenn sie in kritischen Situationen sind. Mit etwas Dramatisierung behaupte ich von mir, dass ich als braves, ruhiges, introvertiertes Kind nicht ohne große mentale Schäden überlebt hätte. Kinder lernen und wachsen mit der Reaktion der Erwachsenen um sie herum. Wenn es da keine Reaktion gibt, dann lernt man nicht, was gut und böse war von dem, was man gemacht hat. Ich habe instinktiv als Kind zu immer drastischeren Methoden gegriffen um meine Grenzen auszutesten und das immer nur in der Hoffnung irgendwann einmal eine Grenze aufgezeigt zu bekommen. Grenzen aufzeigen wäre gleichzusetzen mit „jemand reagiert auch mich“ und das ist mein höchstes Glück als Kind gewesen. Ob jemand negativ oder positiv reagiert, ist dabei fast egal. Hauptsache erst einmal eine Reaktion.

So erzählte ich den Kindern am Schulbus von meinem Leben in allen Details, denn sie reagierten auf mich und wir sprachen.

Als Kind kletterte ich im Bus Fremden auf den Schoß und sang ihnen Lieder ins Ohr und auch die Mitreißenden reagierten auf mich.

Und wenn ich Schulsprecherin bin oder auf einer Bühne stehe, dann reagieren ganz viele Menschen auf mich. Es ist dann nicht möglich an mir vorbeizuschauen und mich mit Nicht-Beachtung zu strafen.

Natürlich kann man sich andere Wege suchen um die gewünschte Aufmerksamkeit zu bekommen. Für mich war diese Art der Extrovertiertheit aber perfekt. Ich bekomme a) Aufmerksamkeit und b) bin ich damit erfolgreich, denn in unserer Gesellschaft werden Extrovertierte schneller befördert und gewürdigt und c) ist für mich die Beherrschung von Small Talk u.ä. die perfekte Methode um sicher zu stellen, dass alles grob in einem für mich angenehmen Rahmen verläuft und nicht jemand Fremdes mir noch schlimmere Dinge als ein doofes Gespräch o.ä. aufzwingt.

Ich weiss nun gerade gar nicht mehr, ob ich introvertiert bin oder extrovertiert oder gar nix von beidem. Meine Teile der Introvertiertheit liebe ich, aber ich habe meine Anteile an Extrovertiertheit so sehr erlernt, dass ich sie perfekt und auch mühelos spielen kann. Danach breche ich dann aber mit leeren Akkus zusammen.

Mein Vater und ich hatten früher immer einen gemeinsamen Traum: im Lotto gewinnen und dann mit 2 Doggen auf eine Hallig ziehen und dort nie mehr weg müssen. Aber meine Mutter wollte in die Großstadt.

Wie immer freue ich mich über konstruktives Feedback und Diskussionen zu „Was macht den Mensch denn aus?“ 🙂

9 Gedanken zu „„Halt doch einfach mal die Klappe. Es ist 6 Uhr.“

  • 6. Oktober 2013 um 14:12
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    Hallo Karin,
    ich kenne alle diese Effekte und Gedankengänge. Allerdings scheint bei mir nicht Aufmerksamkeit der Antrieb zu sein. Was genau es statt dessen ist, weiß ich nicht. Bei Vorträgen auf Konferenzen fühle ich mich auch total wohl und habe kein Problem, vor ein paar Hundert Leuten zu reden. Wenn dann aber abends das „Social Event“ anstand, wäre ich am liebsten gar nicht hin gegangen.
    Man sagte mir auch mal ein gewisses arrogantes Auftreten (rein optisch, nicht im Umgang) nach. Das dient aber vielleicht auch nur dazu, Menschen auf Distanz zu halten.
    Schon als Kind waren mir andere Kinder ein Gräuel, vor allem die lauten hektischen. Und heute noch mach ich das gern so wie du: im Café sitzen, Leute beobachten, Atmosphäre genießen.

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    • 6. Oktober 2013 um 22:41
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      Danke Volker für deine Antwort. Bei Unsicherheit zu einem Thema tun wohlwollende Kommentare gut.

      Ja, arrogantes Auftreten habe ich noch bei allen Männern immer als Distanzversuch gesehen und kann damit umgehen. Kenne niemanden, der wirklich arrogant wäre.

      Hektische Menschen waren und sind mir ein Gräuel 🙂 Aber laute Menschen nehme ich bis heute als kläffende Hunde, die ihre Angst verstecken wollen, wahr. Und ich vermute, dass ich eh auch ein eher lauter Mensch bin. Ist zumindest eine, die immer auffällt.

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  • 30. September 2013 um 14:58
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    Es gibt glaube ich zwei Arten „Extrovertierter“: Die einen schöpfen Kraft, weil sie die Energie um sie herum aufsaugen und die anderen verbrauchen Kraft, um fortlaufend den Motor für die Dauerrolle anzuheizen.

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    • 30. September 2013 um 16:53
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      Hallo Ray, das gefällt mir und du hast recht: die einen schöpfen die Kraft daraus und die anderen pumpen ihre ganze Kraft in das Verhalten. Danke … ich werde darüber noch was nachdenken, aber genau das ist es.

      Ich bin diejenige, die es eine Wahnsinnskraft kostet. Und dann kommen diejenigen, die daraus Kraft schöpfen und sagen „Aber du hast doch gar nichts gemacht“. Stimmt … in denen ihren Augen habe ich nichts gemacht. In meinen Augen habe ich gerade jegliche Kraft verbraucht und muss an den Akku.

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      • 30. September 2013 um 18:26
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        Apropos Energie: Vielleicht ein schlechter Vergleich und ein bisschen simpel, vor allem, weil ich aus 2 Teilen ein Puzzle bastle:

        Ich stelle mir gerade ein Haus vor, wo Tonnen an Holz verbrannt werden, um die Bude auf 18 Grad zu heizen, um nicht zu frieren, aber der Hauptteil raucht durch den Schornstein.

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  • 30. September 2013 um 14:23
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    Hallo Karin,

    schön, dass Du Dich entschieden hast, das Thema hier aufzugreifen. Deine Geschichte ist übrigens gewissermaßen meine Antwort wenn mir Leute sagen „Du bist doch gar nicht so introvertiert“. Denn es geht nicht darum, wie sich jemand nach außen gibt, sondern wie er sich dabei fühlt (also z.B. erschöpft ist).

    Wie wir alle, hast Du auch beides in Dir. Jeder ist intro- und extrovertiert – allerdings mit unterschiedlicher Ausprägung.

    Viele Grüße
    Patrick

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    • 30. September 2013 um 16:51
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      As jemand, der sich selber klar als introvertiert bezeichnet und sich so viel mit dem Thema beschäftigt und relflektiert: sagst du beim Lesen, dass ich introvertiert wirke oder extrovertiert bzw. kannst du verstehen, dass ich mich als introvertiert empfinde, obwohl ich nach Außen etwas anderes zu sein scheine?

      Ich komme mir gerade etwas „dazwischen“ vor und dabei hätte ich gerne einen Namen 🙂

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      • 30. September 2013 um 17:31
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        Das ist aus einem Artikel heraus schwer zu sagen. Ich finde schon beeindruckend, was Du vor allem aus Deiner Jugend erzählst. Also wie Du den Leuten auf dem Schoß gesessen hast, Schulsprecherin wurdest und überhaupt gern im Mittelpunkt gestanden bist.
        Das ist nicht gerade typisch introvertiert.

        Allerdings sagst Du auch, dass Du nach solchen Aktionen total erschöpft zuhause ankommt und erstmal runterkommen musst. Das ist schon eher introvertiert. Extrovertierte ziehen ja ihre Energie aus dem Umgang mit vielen neuen Menschen. Sie brauchen ständig neue Reize, um voller Elan zu sein. Introvertierte hingegen verlieren dabei eher Energie.

        Also ich kann mir schon vorstellen, dass Du zur Introversion tendierst – der Test scheint das ja schon zu bestätigen. Gleichzeitig zeigst Du, dass Introvertierte durchaus auch „extrovertieren“ können und sich nicht komplett ihrer Veranlagung ergeben müssen.

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        • 30. September 2013 um 18:35
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          Genau das ist es, was du schreibst und auch Ray: ich hole mir nicht Energie aus meiner Extrovertiertheit, sondern ich lasse da all meine Energie und gehe meistens auch über den vorhandenen Speicher hinaus.

          Danke. Ob introvertiert oder extrovertiert oder … weiß ich auch nicht mehr. Aber ich habe gerade etwas mehr verstanden, was da bei mir warum passiert und das hilft mir. Danke.

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