Kopf, Geld, Bauch

„Mach dich nicht zum Opfer“, sagt ein Freund von mir und über Nacht gärt es in meinen Gedanken, denn ich bin vieles, aber zum Opfertyp neige ich irgendwie so gar nicht.

Aber unter Freunden darf man doch mal jammern, oder? Also jammern darüber, dass ich Single bin, obwohl ich so gebildet bin und doch genügend verdiene und somit kein Mann Angst haben muss, dass ich ihn nur als Versorgungsstation sehe und mit 43 sind wir auch über die rosarote Brillenphase hinweg und Beziehungen haben realistischere Chancen zu halten. Die meisten sind schon mal geschieden. Ich nicht. Und Kinder habe ich auch nicht und somit muss man noch nicht mal durch die schwierige Phase des „Freund machen mit den Kindern“. Dann arbeite ich auch noch gerne und viel und hänge somit nicht wie eine Klette am Partner und bin weltgewandt und mehrsprachig.

Und nachdem ich letzte Woche VIERMAL zu hören bekam „Es ist ja auch schwierig dir das Wasser reichen“, will ich einfach mal ausgiebig jammern dürfen. 

Ich bin letzthin über diesen Artikel gestolpert, der das Thema „Dating Down“ aufgreift: gutverdienende Karrierefrauen jenseits der 30 finden keine gleichgestellten Partner mehr, weil diese schon vergeben sind und somit empfehlen Experten nun das sogenannte Dating Down.

Im Klartext: die Meisten von uns kennen das Bild  des Chefarztes, der die Krankenschwester geheiratet hat oder den Chef, der seine Sekretärin heiratete, aber Beispiele für die Ingenieurin, die den Maurer ehelichte, sind selten.

Das hat etwas mit Schranken im Kopf zu tun, mit Emanzipation die einseitig stattfand und mit jahrhunderte alten Bildern in den Köpfen meiner und der älteren Generationen.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Bildung, die Frauen bekommen haben, wesentlich geringer war, als die ihrer Geschlechtsgenossen. Schulpflicht für Jungen UND Mädchen wurde erst 1919 in der Weimarer Verfassung für Deutschland festgeschrieben.

Frauen
Foto von Tin.G

Meine eine Großmutter, die die älteste Tochter in einer sehr kinderreichen Arbeiterfamilie war, wurde nicht eingeschult, sondern musste von Kindheit an helfen die nachkommenden Geschwister zu versorgen und als die Mutter bei einer Geburt starb, wurde sie die Mutter der Familie, die alle Geschwister großzog und dem Vater den Haushalt machte. Lesen lernte sie, weil sie mit den kleinen Geschwistern die Schularbeiten machte.

Meine andere Oma durfte die ersten Jahre in die Grundschule, denn in ihrer Bauersfamilie gab es nur Töchter und der Vater achte dann darauf, dass die jüngeren Mädchen, die nicht den Hof als Erbmasse hatten, etwas lernten. Und tatsächlich verhalf auch diese Bildung meiner Oma dazu, dass sie einen Handwerksmeister aus der Stadt heiratete und damit gesellschaftlich aufstieg.

Über Jahrhunderte war es für Frauen die einzige Möglichkeit sozial aufzusteigen, in dem sie einen Mann aus der über ihnen liegenden Bildungsschicht heirateten. Durch Bildung und Beruf oder Spekulation konnten sie ja im Gegensatz zu Männern nicht aufsteigen.

Menschen, die aus Bildungsschichten entstammten, die direkt aufeinander folgen, heirateten und in der Mehrheit waren die Frauen aus der niedrigeren Bildungsschicht und die Männer aus der höheren. Andersherum wurden nur Ausnahmen gemacht in Sonderfällen, wo es vielleicht ein uneheliches Kind, einen nicht rühmlich gefallenen Mann gab oder einen Vater, der öffentlich sein Geld verzockt hatte etc.

Und das Fernsehen übernimmt diese alten Strukturen in neue TV Shows mit Z-Promis, wo Frauen als „IT Girl“ es als legitimen Weg ansehen sich einen sozial höhergestellten Mann zu suchen, um sich sozial (finanziell) in eine bessere Schicht zu begeben, als die aus der sie kommen.

Traditionen werden nun öffentlich im Fernsehen gelebt.

Mein Leben ist aber anders verlaufen: ich gehöre einer Generation an, die durch die Emanzipationsphasen der 68er sehr gleichberechtigt aufwuchsen. Ich bin auf die selben Schulen wie meine männlichen Zeitgenossen und konnte die gleichen Unterrichtsfächer besuchen. Dann hatte ich auch noch das Glück einen Vater zu haben, der Frauen das selbe zutraute wie Männern und uns Mädchen mit großem Selbtstbewußtsein erzog und schließlich selber eine studierte Frau (Naturwissenschaften Anfang der 50er!) geheiratet hatte, deren Abschluß besser als seiner war (sorry Papa, jetzt wissen es alle 😉

Für mich war Emanzipation und Gleichberechtigung nie ein Thema. Ich wusste gar nicht als Jugendliche, dass es anders sein könnte, als gleichberechtigt. Also studierte ich, bekam einen guten Job, machte Karriere, verdiente viel Geld, reiste durch die Welt, kannte manchen Flughafen besser als die Nachbarsstraße meiner Wohnung, hatte auch noch das Glück Sprachen schnell zu erlernen, lernte als Kind ein Musikinstrument und hatte nie das Verlangen nach Kindern, weil mir mein Leben genau so gefiel und eigentlich auch noch immer gefällt.

Aber was auffällt ist, dass ich immer Single war. (Ich zähle mal die Beziehungsversuche zwischen dem 14-24 Lebensjahr nicht als „ernsthaft“ dazu. In meiner Generation galt noch „Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment“ und die heutige Treue die ich in der jüngeren Generation erlebe, gab es bei uns so nicht.) In meiner Generation gibt es aus meiner Sicht diejenigen, die früh geheiratet haben, weil man das so machte (Scheidungsrate aktuell 50% las ich letzte Woche) und die kleinere Fraktion, die sich noch von den Alt-68ern mitziehen lies in Sachen Sexualität und Partnerschaft.

In meinem Kopf ist der Wunsch nach einem sozial mir gleichgestellten Partner. Einer, der eben auch beruflich ein bißchen was erreicht hat, gutes Geld verdient und daneben noch gerne liest und sich mit aktuellem Zeitgeschehen auseinandersetzt und Meinungen hat und bitte auch ein Hobby, damit er mir nicht zu sehr auf den Sack geht in der Freizeit 🙂

Und ich höre die einen nun schon die Luft einziehen mit einem „Ja, du hast ja auch Ansprüche.“

Ich entschuldige mich. Es tut mir leid. Aber dieses Bild wurde mir jahrhundertelang eingeimpft und ich schaffe es nicht, mich davon zu befreien. Da ist diese Schere im Kopf. Der Partner, der auf der Party neben mir steht als hübsches Accessoire, der aber nicht so mitreden kann, ist nicht vorstellbar. Also das Klischee der Blondine in männlich, zieht mich nicht an. Mich zieht ein Mann an, der meine Dominanz um mich in dieser Männergesellschaft durchzuschlagen, auch wiederspiegelt.

Glaubt mir: ich  wünschte, dass Dating Down für mich eine valide Option wäre, aber ein Mann, der beruflich nicht ambitioniert ist, nicht belesen und kein Hobby hat, ist für mich schlichtweg uninteressant. Da kann man auch nicht viel machen. Jeder hat diese Dinge in sich, die ihn/sie reizen. Optisch, emotional, charakterlich.

Und den Männern meiner Generation geht es ja nicht anders: Männer lernen, dass es gesellschaftlich akzeptiert ist, wenn Frau im Status offiziell unter ihnen steht und daran ist nichts minderwertiges. Sie wurden in meiner Generation noch als Versorger und Beschützer erzogen und können sich oft auch nur schwer von diesen Werten trennen.

Und das führt dazu, dass plötzlich die gebildeten, erfolgreichen Frauen meiner Generation dastehen und nur wenige Männer haben, die überhaupt verfügbar sind, weil unsere Bilder von Partnerschaft gefühlt dann doch zu weit auseinander sind. Natürlich gibt es diese Männer auch in meiner Generation, die nichts gegen starke Frauen haben, die damit umgehen können und wollen und dies auch attraktiv finden. Ich behaupte nur, dass es zu wenige sind für die sprunghaft angestiegene Zahl an erfolgreichen und dominanten Frauen in meiner Generation.

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Jetzt kennt ihr meine Emotionen zum Thema „Ich bin Single“ und dürft mich für meine Arroganz zerreißen und/oder wissenschaftlich wiederlegen. Leider ändert es nichts an den Gefühlen 🙂 aber ich lerne gerne und höre gerne eure Ideen und Gefühle dazu.

Und einen weiteren guten Artikel gibt es zu dem Thema meiner Meinung nach in der FAZ.

3 Gedanken zu „Kopf, Geld, Bauch

  • 28. September 2013 um 13:21
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    Ich glaube an eine Beziehung (was für ein Wort überhaupt, sind wir denn Staaten – Danke Heinz Rudolf Kunze) darf man nicht planvoll herangehen, das ist kein Projekt oder eine Wohnungseinrichtung. Je länger man wartet, desto fertiger 😉 sind die Menschen, und kompromissbereiter wird man auch nicht. Wenn man noch bedenkt, dass gewöhnlich Männer eh später die Kurve kriegen, muss man sich zwischen 20 und 30 binden und zusammen wachsen. Klar dass die Guten dann vergeben sind, und auf dem Markt nur die – aus welchen Gründen immer – Beschädigten sind.

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  • 26. September 2013 um 11:09
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    Ein ehrlicher Artikel. Alle Achtung.

    Das sind rational nachvollziehbare Ansprüche. Allerdings wird es schwer werden durch diese Lehmschicht durchzudringen, um an den Kern einer Beziehung zu gelangen. Die Frage ist, was hinter einem „beruflich was erreicht“ und „belesen“ wirklich steckt. Sicher nicht nur, dass du neben dem Bett keine hirnige Dumpfbacke andauernd mitschleppen willst, oder?

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  • 26. September 2013 um 10:20
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    Ich finde nicht, dass der Wunsch nach einer Beziehung auf Augenhöhe ein Ausdruck von Arroganz ist. Unter Arroganz verstehe ich vielmehr die Wahl eines Partners, den man als unterlegen wahrnimmt und ihn lediglich aus Mangel an Alternativen datet.

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