Das Ländchen Bonn

Ich liebe Bonn so sehr, weil ich kein Großstadtkind bin und auch nicht das Landleben als die Erfüllung meiner Träume sehe. Bonn ist nicht Stadt und nicht Land und damit wunderbar und perfekt für mich.

Als ich herzog, war es Die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland und hatte 230.000 Einwohner.

Heute ist es nicht mehr Hauptstadt, die Bundesrepublik Deutschland hat andere Grenzen und die Einwohnerzahl ist auf 310.000 gestiegen, obwohl die ganze Regierung, Botschaften etc. weg sind.

Aber was ich liebe, ist geblieben: eine unheimlich grüne Stadt, die mir alle Vorzüge der Stadt bietet (1.Liga Basketball, Beethovenorchester, gute Kleinkunst im Pantheon und der Springmaus, internationale Firmen, Universität), fantastische Logistik (ICE Bahnhof, am Flughafen bin ich in 15 Minuten, A3 ist 7 Minuten von meinem Haus) und einen nicht zu bezahlenden Erholungswert, denn im Westen schließt sich die unglaubliche Eifel mit ihrem Vulkanursprung an, im Norden kommt die riesige multi-kulti Stadt Köln, im Osten dann das ruhige Bergische Land mit den vielen Schieferbrüchen und dem Neandertal und im Süden Rheinland-Pfalz mit den ersten Weinbergen und etwas „Südflair“.

2012-09-07_Bonn_TouristenwegweiserWie man meinem Blog ansieht, liebe ich es essen zu gehen. Natürlich gibt es in Bonn drölfzigtausend Möglichkeiten essen zu gehen und es liegt eher an meinem kleinen Bekanntenkreis, das ich noch nicht alles kenne, aber ich sage auch mal ganz ehrlich an dieser Stelle: Bonner Gastronomie ist echter Durchschnitt. Aus kulinarischen Gründen würde ich niemandem eine Reise nach Bonn empfehlen.

Was? Wie bitte? Ach so … ich soll jetzt sagen, dass wir ein fantastisches Sternerestaurant haben? Ja, haben wir und der Uli Edel kocht seit Jahrzehnten mit einer ungesehen Leidenschaft und Kreativität. Und eine tolle Frittebud hat Bonn auch? Ja, haben wir. Und bevor ihr weiterbrüllt, es gibt auch andere gute Restaurants.

Aber es gibt Städte, die ich kulinarisch sofort empfehle, weil ich sie als tollen Spiegel ihrer Stadt empfinde im Querschnitt. In Nürnberg fallen mir gerade im Innenstadtbereich viele Restaurants ein, die dem typischen Touristen das bieten, was dieser sich auch wünscht: Nürnberger Würstchen oder Schäuffele mit Bier- oder Lebkuchensaucen und viel Sauerkraut in guter Qualität und auch optisch sind die Häuser so, wie es sich der Tourist vorstellt, dass es in Bayern aussieht.

Berlin würde ich jederzeit empfehlen für eine unglaubliche Originalküche. Die vielen Migranten und Migrantinnen gestalten immer mehr Gastronomie, die zwar dem deutschen Geschmack angepaßt wird, aber nicht vollkommen verdeutscht ist, sondern ihre besonderen Merkmale beibehält. Das ist wunderbar und authentisch und sehr besonders.

Hamburg hat unglaubliche Fischmärkte, viele Sternerestaurants oder fast Sternegastronomie und darunter auch die Currywurstbude, die nun im 3. Jahr in Folge einen Stern bekam.

Köln hat eine nach Vierteln aufgeteilte Gastronomie. In der Keupstr. türkisch essen gehen, macht großen Spaß, genauso wie die vielen Brauereien mit ihrem Köbes in der Altstadt, dem besten Chinesen der Welt auf der Komödienstr., den vielen Fast Food und Currywurstrestaurants und egal welches Land es in dieser Welt gibt, es wird ein Restaurant dazu geben.

2012-09-13_Bonn_Haus am FriedensplatzIn Bonn gibt es halt nix und alles. Und das erinnert mich fast ein bißchen an die Allgemeinsituation von Bonn im Moment. Da lese ich den Kulturbericht der Stadt und bin verwundert.

Als Fazit bleibt bei mir: eigentlich will Bonn für alles berühmt sein. Natürlich finde ich es toll, ein Spitzen-Jazzensemble zu haben, eine breite Theaterlandschaft, ein international anerkanntes Philharmonieorchester, eine Oper, eine große Chorszene, tolle Kleinkunstbühnen, Popfestivals der Spitzenklasse und daneben noch die Geschichte der Bundesrepublik aufrecht erhalten als ehemalige Hauptstadt und Ballett sollte ja auch noch stattfinden, oder?

Das überfordert nur gerade unseren Haushalt und um ehrlich zu sein: auch mich als Einwohner, denn ich habe nicht so viel Geld für so viel Kultur. Und es zieht auch keinen besonderen Touristen an. Deswegen finde ich, dass man sich auf ein paar Dinge konzentrieren muss. Dinge, die uns unterscheiden von anderen Städten.

Was uns unterscheidet

Wir sind nun mal die Beethovenstadt. Und die Vorstellung, dass wir in 2020 den 250. Geburtstag von Beethoven haben und diese einmalige Chance nicht pompös und überbordernd nutzen für einen Massentourismus, der einsetzen wird mit dem entsprechenden Programm, raubt mir tatsächlich den Atem.

Neben den großen DAX Unternehmen und einigen internationalen Unternehmen und Großunternehmen, lebt Bonn doch vom Tourismus. Touristen, die in Köln sind wegen des tollen Doms und der tollen römischen Stadtgeschichte, die dann einen Abstecher nach Bonn machen wegen Beethoven. Dazu kommt dann die herrliche Kombination mit dem Drachenfels auf den man mit der Zahnradbahn fährt und den wirklich tollen Blick genießt. Zudem entdecken immer mehr Touristen Bonn wegen der tollen Lage zwischen Eifel und Bergischem Land und zudem sind wir Anfangspunkt des Rheinsteigs. All diese BesucherInnen besuchen auch unsere Gastronomie.

Ich schäme mich dann immer. Gerade wenn man sich die Innenstadt anschaut, will ich täglich weinen.

Das Bonner Leben findet woanders statt. In der Altstadt ist das Studentenflair ungebrochen. Und die Studenten sind auch diejenigen, die durch die Innenstadt fahren und diese teilweise bevölkern, weil sie zur Uni fahren. Ansonsten pulsiert für mich Bonner Leben in den Biergärten am Rhein beidseitig, Poppelsdorf finde ich ist der lebhafteste Ortskern den wir in einem Viertel haben, Endenich ist ebenfalls weit vorn mit einer Gastro- und Kulturmeile, Beuel hat eine funktionierende Innenstadt in der man sich trifft. Aber durch die Bonner Innenstadt radeln die Studenten, hasten die Menschen, die zum Shoppen nach Bonn kommen und lemmentieren japanische Touristengruppen auf dem Weg vom Münster zum Beethovenhaus.

Und da sind wir nun wieder. Bonn steht für alles und nix. Die Gastronomie ist alles und nix. Und wenn ich mir die Handlungskonzepte für die Innenstadtentwicklung und/ oder Kulturbericht anschaue, dann will man hier alles und blockiert sich in der Folge und es passiert nix.

Ich will eine Fokussierung auf Beethoven, denn keine andere Stadt in der Welt ist seine Geburtsstadt. Damit einher geht eine vernünftige Konzerthalle, Spitzenorchester und Dirigent, Geburtshaus auf dem Stand der heutigen Technik. Dann können wir uns kein Ballett mehr leisten und viele Bühnen? Dann ist das so. Schade, aber auch nicht das wofür Bonn berühmt ist. Zudem ist Bonn weit über seine Grenzen bekannt für Kleinkunst. Pantheon und Springmaus sind berühmt und bringen viele Touristen. Und dann hat Bonn noch etwas, was sonst nur Berlin hat: wir waren Hauptstadt und hier wurde Geschichte geschrieben und das muss erlebbar gemacht werden in einem viel größeren Ausmaß. Ich will nicht nur unbeteiligt staunen, sondern erleben!

Für mich müssen sich solche Schwerpunkte auch gastronomisch wiederspiegeln. Was aß man denn zu Beethovens Zeiten? Warum gibt es kein Beethovenmenü? Warum haben wir keinen Beethovencocktail? Warum bieten die Brauereien dass allerlei der Brauereien Bayerns, anstatt sich lokal zu spezialisieren? Wie wäre es mit einem Beethovenfladen? Warum zeigen wir als ehemalige Hauptstadt nicht mal, was wir an internationalem Essen hier alles gelernt haben? Ich will nicht den zigtausendsten Einheitschinesen mit dem Einheitsbuffet. Ich werde künftig bei jeder Eröffnung eines Chinesen schreien, weil ich sie nicht mehr ertrage. Und die Kleinkunst ist für mich das Synonym zu Kreativität. Wo sind die kreativen Gastronomen? Und wo sind die Gastronomen, die unser Umland in ihren Menüs und Zutaten wiederspiegeln? Wo sind die Eifeler Menüs und die Bergischen Leckereien?

Wo sind die Gastronomen, die mir meine Kritik nicht mit „Das wollen die Gäste so“ beantworten, sondern Neues wagen und erleben, dass die Gäste durchaus was anderes begrüßen, wenn es Sinn macht und gut ist?

In meinen Bonner Gastrokritiken versuche ich allem positiv zu begegnen und zu respektieren, dass man Zwängen unterliegt und nicht alles immer möglich ist. Aber man kann sich natürlich auch weinend hinlegen und alles auf den Gast schieben. Ich bin euer Gast. Und was ihr da macht, dass will ich mehrheitlich so nicht.

2012-08-10_Bonn_Oper

(Beitrag zur Bonner Blogparade #bnbp13.)

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