Heimat ist ein Gefühl

Die Höhner singen „Hey Kölle, du bes e jeföhl“ und ich glaube auch, dass Heimat ein Gefühl ist und kein Ort.

Sprachlich ist der Begriff übrigens, in den meisten Sprachen die ich kann, mit dem Wort „Erde“ oder „Land“ verbunden. Das deutsche Heimat oder das englische home kommen vom Germanischen „liegen“ und es war ein Wort, dass vorwiegend im Amtsgebrauch benutzt wurde. Das Deutsche Wörterbuch schreibt 1877 über Heimat „das land oder auch nur der landstrich, in dem man geboren ist oder bleibenden aufenthalt hat“.

Es geht also um Aufenthaltsrecht in der damaligen Zeit. Eine emotionale Komponente war zur Bestimmung uninteressant.

Das hat sich drastisch in den letzten Jahren geändert. Aufenthaltsrecht wird durch den Paß bestimmt, den ich nicht bekomme, weil ich irgendwo wohne oder mich heimisch (dazugehörig) fühle. Bin ich auf US-amerikanischem Boden geboren, bekomme ich ihn, weil ihn jeder bekommt, der auf dortigem Grund und Boden geboren wurde. In Deutschland dagegen gilt ius sanguinis , also das Recht des Blutes oder Abstammungsprinzip.

Wir verwenden den Begriff aber immer mehr in Verbindung mit „sich zu Hause fühlen“, „da, wo man verstanden wird“ oder wie die Höhner auch singen „wo, die Leute, die gleiche Sprache sprechen“ und damit ist nicht Deutsch, sondern der Dialekt gemeint. Ist Heimat dort, wo man aufgewachsen ist? Und wenn man 3 Mal in der Kindheit umzog?

Heute wird jeder Heimat für sich selbst definieren müssen.

Meine Heimat ist nicht Konstanz, obwohl ich dort geboren bin. Dieses Geburtsding, wie man es noch vor 150 Jahren definierte, ist mir fremd, auch, weil ich dort eben nur geboren bin.

Von Abstammung ist heute noch die Rede, wenn wir über Heimat sprechen. Aber ich habe eine Pfälzer Mutter und einen Dortmunder Vater, fühle mich aber weder pfälzisch noch als Dortmunderin.

Aufgewachsen bin ich im Rheinland. Ich bin FC Fan, weine, wenn ich nach einem langen Urlaub den Dom sehe, Rievkoche sind mein Leibgericht und hier spricht man „ming Sproch“. Die Pfalz und Dortmund beeinflußen mich, sind aber keine Heimat, auch wenn meine Eltern dort herkamen, dort aber auch nicht den Großteil ihres Lebens verbrachten. Dafür aber einen sehr prägenden, nämlich die gesamte Kind- und Jugendzeit, die auch noch besonders durch die Machtergreifung Hitlers und den Krieg geprägt war.

Bin ich Rheinländerin? Ich bin hier lange Zeit sozialisiert worden und das prägt mich und bringt mich den Menschen hier näher. Aber verstanden werde ich doch auch anderswo. In fremde Städte ziehen ist für mich eher aufregend, weil erstmal alles schön ist und von mir entdeckt werden will. Ich suche mir dann eine geistige Heimat um schnell Anschluß zu Menschen zu finden, die meine Interessen teilen und dementsprechend auch geistig für mich interessant sein könnten und zu Freunden werden könnten.

Als ich in Seattle war, habe ich noch von hier ein Orchester gesucht in dem ich mitspielen konnte und war ab Woche 1 herrlich eingebunden in mein Hobby und die Menschen dort haben mich herzlichst aufgenommen und integriert. Zuerst ins Orchester und dann schnell auch in ihre Leben.

All meine Zeit in Sibirien war ausgerichtet darauf mehr über den Buddhismus in Sibirien zu lernen und die Menschen, die mich dort lange begleitet haben, verband mit mir die Liebe zu dem Thema und das Interesse darüber zu erzählen, auch über die schlimme Stalinzeit und zu wissen, dass ihre Geschichte nicht vergessen wird. 20 Jahre später wird mir klar, wie wichtig es für viele Menschen ist, dass sie nicht vergessen werden. Wozu hat man Leid durchgemacht, wenn niemand daraus lernt? Aber wiederholt sich Geschichte nicht?

Die dritte wichtige Heimat sind für mich Freunde. Wie viele habe ich? Sehr wenige und niemand in Bonn. Freunde erzählen mir am Telefon von den Belanglosigkeiten des Lebens, denn sie müssen nicht um meine Freundschaft kämpfen und glänzen. So erfährst du Müllabfuhrtermine aus anderen Städten oder Erdteilen und diskutierst, ob das Klassenzimmer in Sibirien von der Jüngsten, denn nun wirklich in grün gestrichen werden muss oder nicht. Wir nehmen an unserem Leben teil und jede Belanglosigkeit ist wichtig. Und jeder Fehler wird erzählt und nicht verheimlicht und beschönigt. Ich habe gelogen. Ich habe gestohlen. Ich habe betrogen. Hier erzähle ich es und weiss, dass neben Kritik immer Unterstützung da sein wird und ich immer zurückkommen kann, egal wie groß mein Fehler war. Ziehen diese Menschen in einen anderen Ort, bleibt meine Heimat, denn ihr Boden ist die Freundschaft und der ist es egal, ob jemand in Bonn, Nijmegen oder Calgary lebt.

Heimat ist keine rein geografische Sache mehr, sondern beinhaltet für mich regionale, geistige und Beziehungs-Heimat. Das sind die 3 wichtigen Komponenten in meinem Leben: eine Region in der ich mich wohl fühle, Menschen, die ich bedingungslos liebe und Hobbies, die mich erfüllen.

Bisher fühlte ich mich bei der Frage nach Heimat immer etwas in der Bredouille. Da heule ich bei Dokus über Burjatien (Sibirien) und die Menschen denken, dass ich Russlanddeutsche bin. Sind dann verwirrt, wenn du sagst, dass du in Konstanz geboren bist und deine Heimat Bonn/Köln ist. Meistens wollen wir doch wissen, wo jemand sozialisiert wurde. Zumindest interessiert mich das am Meisten, weil es mir etwas mehr Hintergrund über Reaktionen und Denken geben kann.

Heimat kann sein, wenn man intuitiv weiß, wie das Busticket zu lösen ist (was ich erstmal googeln müsste, weil ich keine ÖPNV fahre, obwohl ich hier zuhause bin), aber auch, wenn einen einige Jahre mit Menschen verbinden in einer ganz anderen Welt oder auch nur gemeinsame Proben über einen längeren Zeitraum, die mir in wunderbarer Erinnerung geblieben sind und mir eine Heimat waren.

Ich halte Heimat für wichtig. Seine Heimat kennen, heißt für mich zu wissen, was und wer einem im Leben wichtig ist.

(Kaum schreibe ich über Heimat, bekomme ich den Hinweis auf eine Blogparade zu diesem Thema bei Katja. Wunderbar. Dann kann ich da ja teilnehmen.)

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