Der Einbruch

24.12.2011 gegen 20:00 Uhr.

Ich komme von der Bescherung bei meiner Mutter nach Hause und während ich im Flur in einer Drehung meine Schuhe abstreife, die Jacke in die Ecke werfe, denke ich noch „Och … kalt“, blicke dann ins Wohnzimmer und der nächste Gedanke ist „Hä? Wo ist der Fernseher?“

Erstaunlicherweise brauche ich nur Bruchteile von Sekunden um zu begreifen, was passiert ist: es war eingebrochen worden. Die Balkontür stand aufgehebelt offen. Auf den ersten Blick sehe ich, dass der Fernseher weg ist, der iMac, das iPhone. Ich rufe die Polizei, die fragen, ob die Täter weg sind … äh gute Frage, weil ich gar nicht oben war … hab gar nicht daran gedacht, dass die noch da sein könnten. Gehe nun mit der Polizei am Ohr nach oben. Keiner mehr da.

Während ich auf die Polizei warte, klingele ich bei den Nachbarn, was mir unsagbar leid tut an Heiligabend, aber ich muss sie informieren und natürlich auch fragen, ob sie etwas gesehen haben. Der Nachbar sagt noch, dass er was aus dem Keller holte, meine Tür leicht offen stand und er sie zuzog, weil er dachte, dass ich sie nicht richtig zugezogen hatte. Die Täter sind also hinten über den Balkon rein und dann vorne raus, da meine Wohnungstür nicht abgeschlossen war und die Haustür auch nicht.

In diesem Haus ist unten eine Arztpraxis und oben drüber dann zwei Maisonettewohnungen. Drumherum sind Gärten nach hinten und das Nachbarhaus an der Seite ist ein Haus in dem bis auf eine Wohnung nur Arztpraxen sind. Also nur wenige, die an Weihnachten zu Hause sind und sehen, was bei uns passiert.

Obwohl wir Sicherheitstüren haben im Haus an allen Türen und Fenstern, haben die Einbrecher Gartenmöbel vom Arzt unter den Balkon gezogen, sich hochgeschwungen und standen vor der Balkontür, die ins Wohnzimmer führt. Die Rollos waren nicht unten, weil ich mittags zu meiner Mutter bin und das auffällig gefunden hätte. Und da drumherum niemand zu Hause war (außer die direkten Nachbarn, die mit Verwandten unterm Tannenbaum sangen), haben sie sich die 5 Minuten mehr, die eine Sicherheitstür benötigt zum Aufbrechen halt gegönnt.

Sie sind durch die ganze Wohnung und haben mit den Armen alle Schränke/Regale ausgeräumt. Alles runter auf den Boden und dabei feststellen, ob Schmuck oder andere Schätze dort verborgen sind. Nachttische, Bücherregale, Büroschränke … nur in der Küche haben sie die Regale nicht ausgeräumt auf diese brachiale Art.

1 Woche lang passiert nix. Ich lebe in der Wohnung, kann abends schlafen und bin verwundert, wie gut ich den Einbruch wegstecke. Naja … war halt eine Bande, die Heiligabend bei uns 3 Einbrüche machte und dann verschwand. Ist halt eine typische Einbruchszeit und mich hat es durch Zufall getroffen.

Aber dann bin ich am 01.01.2012 zusammengebrochen. Von 22 Uhr bis 4 Uhr sitze ich  mit permanentem Muskelzittern vor der Balkontür mit dem Handy in der einen Hand und dem Pfefferspray in der anderen.

Auf der Arbeit wird schon nach wenigen Stunden klar, dass in der Nacht sich etwas verändert hat. Ich habe Angst. Panische Angst. Vor einem neuen Einbruch? Nö. Ich sehe vor meinem Geist 20 Serienmörder die unter meinem Balkon sitzen und sich die Klinke in die Hand geben und mich umbringen. Verrückt? Genau.

Mir ist sehr klar, dass ich nicht in die Wohnung zurückkehren kann. Ich schaffe das alleine nicht. Also fahre ich zur Traumaambulanz, wo eigentlich nichts passiert. Natürlich bieten sie Tabletten an, die ich ablehne, weil ich verarbeiten will und nicht mich zudröhnen.

An diesem und dem nächsten Abend schlafe ich bei meiner Mutter. Wie ein Stein. Das Haus mit den Geräuschen, die ich kenne und ich organisiere nun in den nächsten Tagen meine Freunde, damit jede Nacht jemand bei mir schläft. Auf der Arbeit melde ich mich zudem für jede Dienstreise, die mit Übernachtung verbunden ist. Es dauert ca. 1 Monat bis ich mir die erste Nacht alleine zutraue, wissend, dass darauf wieder min. 5 Nächte folgen mit Freunden in meiner Wohnung. Wenn keiner meiner Freunde da war, bin ich in ein Hotel gegangen und für ca. 6 Wochen habe ich dann doch noch Tabletten genommen, was sehr geholfen hat und ich wünschte meine Ärztin hätte sie mir direkt am Anfang aufgedrängt.

Das Fazit vom Lied:

  • am 02.April bin ich in eine neue Wohnung gezogen, obwohl ich noch 2 Monate doppelt Miete zahlen musste
  • ich weiss nun, was Angst ist
  • ich habe 35kg zugenommen
  • ich habe ein bißchen meines Grundvertrauens in diese Welt verloren
  • sobald es dunkel wird, beginne ich nach wie vor eine höhere Unruhe zu entwickeln

Es war ein Zufallseinbruch.

Zufällig hat jemand mein Leben zerstört.

Jemand, dem ich scheißegal bin.

Jemand, der selber warscheinlich ein Scheißleben hat und unter Demütigung aufgewachsen ist.

Schockiert hat mich, als mir der Arzt von der Traumaambulanz erzählte, dass es in Rumänien Gegenden gibt in denen die Eltern Kinder zeugen um sie für das Einbruchsgeschäft heranzuziehen, da sie mit den kleinen Händen sehr gut Fenster öffnen können, wendiger an Fassaden klettern können und eben nicht mündig sind.

Kinder, die mit totaler Demütigung aufwachsen und keine Kindheit bekommen, sondern nur als Werkzeug benutzt werden. Sind sie zu alt, zu groß oder zu dick, werden sie einfach weggeworfen.

Aber egal, wie schlimm deren Schicksal ist, schaffe ich keine rationale Betrachtung dessen, was da passiert ist. Emotional bin ich zutiefst erschüttert, dass jemand Gewalt in mein Leben bringt. Da greift mich jemand an, der mich nicht kennt. Dringt in mein Leben ein und sagt mir „Ich kann alles zerstören, wenn ich will mit nur einem Fingerschnippen“. Wie soll ich noch Vertrauen aufbauen in diesem Leben, wie Freundschaften neu beginnen oder Beziehungen pflegen? Wenn jemand durch einen Zufall einfach nur so <zack> all das wieder zerstören kann …. wozu?

Ich will nicht durch diesen Schmerz der Zerstörung, des Abschieds, der Trennung.

(Seit 9 Monaten will ich über den Einbruch schreiben und habe es nie geschafft. Heute nun geht es. Noch ist es nur oberflächlich und noch frage ich mich, warum mich das so komplett aus der Bahn wirft, wo ich sonst ein so bodenständiger Mensch bin, der mit beiden Beinen so feste im Leben steht. Aber ich habe die große Hoffnung, dass es ein Anfang ist. Etwas scheint sich zu ändern. Auch wenn ich bewußt noch nicht sagen kann, was es ist, es bewegt sich etwas. Hoffentlich bewegt es mich bald mental und auch körperlich.)

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